LeNa-Tagebuch in Zeiten von Corona

Die Veränderungen vollziehen sich so überraschend und rasend schnell, dass uns schwindelt. Nur zehn Tage ist es her – auf unserem letzten Plenum, am 10. März, spielt „Corona“ nur am Rande eine Rolle. Viele von uns, Erwachsene und Kinder, gehen fröhlich ins Kino, um die „Känguru-Chroniken“ zu sehen. Und plötzlich dieses neue Virus, das unsere Welt bedroht. Wie gefährlich ist es? Die einen waren alarmiert, andere hielten die Sorge eher für übertrieben. Nicht zuletzt dank der Fachleute in unserer Community – drei Ärzte und ein Mikrobiologe – landen wir auf dem Boden der Realität.

Wir treffen uns ab jetzt draußen, stellen uns in einem weiten Kreis rund um die Sandkiste auf und beraten: Abstand halten, gegenseitige Hilfe, Veranstaltungen im Gemeinschaftsraum absagen; auch das Treffen der kurdischen Freunde, die auf dem Grundstück das Nawruz-Fest feiern wollten.

Am 16. März schließen in Lüneburg die Schulen, die ersten Erwachsenen sind schon im homeoffice. Wohin mit den Kindern? Wie schützen wir Alte und Kranke? Einkaufsdienste – für uns als Community eine leichte Übung, das klappt wunderbar. Am Horizont stehen bereits die Nöte unserer Freiberufler, die Idee eines Solidaritätsfonds kommt auf. Immer besorgter verfolgen wir die Nachrichten, unter anderem den Blog des Berliner Virologen Christian Drosten.

Von Stunde zu Stunde wird deutlicher, wie verheerend die Auswirkungen der Pandemie sein könnten. Dass wir uns auf eine lange, vielleicht sehr lange Zeit einstellen müssen, und kein Ende in Sicht. Angst breitet sich aus, und eine große Ratlosigkeit. Es wird unheimlich still in der Stadt, auch auf unserem Grundstück. 

 

Am 17. März um 18:30 versammeln wir uns erstmals zum gemeinschaftlichen Singen im Garten und auf den Balkonen: „Abendstille überall“, „Der Mond ist aufgegangen“, bei einigen fließen Tränen. Schon einen Tag zuvor hat uns die dreizehnjährige Marie mit einem Motivationsspruch überrascht: „Wenn du nicht an Wunder glaubst, hat du vielleicht vergessen, dass du selbst eines bist.“ Seitdem bekommen wir täglich per Mail einen Spruch von ihr.

Am 21. März haben wir ein Tagebuch begonnen. Ein Experiment, wie alles gerade, was wir unternehmen. Aufschreiben, was passiert bei LeNa:

– Wie durchleben wir diese Zeit?

– Was macht sie mit uns?

– Wie bewährt sich unser Wohnprojekt im Ausnahmezustand?

Ein Alltagsprotokoll könnte uns helfen, den Faden nicht zu verlieren, und später rückblickend den Prozess zu verstehen. Außerdem möchten wir Mut machen, Ideen mit anderen teilen. Uns im gemeinsamen öffentlichen Nachdenken vorbereiten auf die Zeit DANACH.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Existenzformen.“ Schreibt Mitte März der aus Slowenien stammende populäre Philosoph Slavoj Zizek. Wir haben die Chance zu einem „system reset“, so der Zukunftsforscher Mathias Horx.

Unsere kleine Redaktion besteht aus: Frauke, von Beruf Lehrerin (43 Jahre), Wini und Ulla als Journalisten (ein Paar, beide 69 Jahre). Wir drei führen die Chronik, spinnen den roten Faden. Wie wir das hinkriegen und wie lange, wird sich zeigen. Dazu Stimmen von Nachbarn und Nachbarinnen, die schreiben oder deren Gedanken wir aufzeichnen. Nach Möglichkeit Bilder, Fotos und Dokumente aus dem Leben der Community und Nachbarschaft.

Es geht los!!! Wir werden die Tage nach und nach auf unsere Homepage stellen.

9. April 2020 – Hoffen

Gründonnerstag, ein heller sonniger Tag. In der jüdischen Welt beginnt heute das Pessach-Fest, das an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei erinnert. Im Tagebuch von heute geht es um Überlebensstrategien im Alltag und um das Prinzip Hoffnung. Aljoscha hat die...

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8. April 2020 – Sorgen

Mittwoch vor Ostern, ein schon frühsommerlicher Tag. Das Pseudonyme-Raten, zu dem die Redaktion als Osterrätsel herausgefordert hat, hat bereits Spuren auf dem Grundstück hinterlassen. Dass Tom Simons Bruder ist, das zumindest lässt sich eindeutig den bisherigen...

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7. April 2020 – Erkenntnisse

Ein weiterer sonniger Tag – fast so warm wie gestern. Auf den ersten Blick in den Garten fast ein gewöhnlicher Tag der Osterferien: Viele Kinder, Gartenarbeiten, Sonnengenuss auf der Terrasse. Erst bei längerem Hinsehen fällt der größere Abstand auf. In den Medien...

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6. April 2020 – Arbeitswelten

Normalerweise wimmelt es kurz vor Ostern von Touristen, die alte Häuser und Rosen fotografieren und auf den Spuren der TV-Soap „Rote Rosen“ wandeln. So leer wie war die Innenstadt nie. All die kleinen Geschäfte sind geschlossen, die begehrten Ferienwohnungen frei.„Buy...

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5. April 2020 – Palmsonntag

Unsere österlichen Vorhaben, auf die wir uns so lange gefreut hatten, sind abgesagt. Besuche bei der Familie, Ferien am Meer und Kanutouren, Grillabende, die Johannes-Passion, Osterfeuer, der Auferstehungs-Gottesdienst. Die Kirchen sind überall geschlossen, das haben...

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4. April 2020 – Kontakt

 Ein sonniger Frühlingstag. Es tut so gut, die Wärme auf der Haut zu spüren, sich berühren zu lassen – ganz unzeitgemäß, aber in diesem Fall gestattet. Viele von uns zieht es nach draußen in den Garten. In vielen Gesten, Körperhaltungen, Stimmen, bei Erwachsenen wie...

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3. April 2020 – Zuhause

Heute haben mich unabhängig voneinander vier Aufrufe zu Solidarität mit von der gegenwärtigen Ausnahmesituation besonders betroffenen Menschen erreicht. Für Menschen ohne Obdach oder unbehaust auf der Flucht muss die #zuhausebleiben-Aufforderung zynisch klingen. Das...

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2. April 2020 – Nachhaltigkeit

Die Entschleunigung hat ihre Vorteile - geschenkte Zeit zum Nachdenken, mehr Zeit für Alltagsdinge. „Unsere Kompostecke ist geöffnet“, schreibt Martin „mit lieben Grüßen von der Kompostgruppe“, und erklärt noch mal die Regeln; „Alles, was mal gelebt hat und kleiner...

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1. April 2020 – Humor

„Ich hab voll den Albtraum gehabt“, sagt der Erstklässler mit gespieltem Ernst zu seiner Mutter. „April, April!“ – „Hey, habt ihr schon gehört, Corona ist kein Virus, sondern ein Bakterium!“ – „Unsere Osteria hat geöffnet. Ich hab nen Tisch bestellt!“. Einige...

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31. März 2020 – Exit

Nach dem gestrigen Trubel und einer Frostnacht wieder Stille. Im späten Vormittag besichtigt mal ein Kind die Überreste der Schneefiguren. Der Hase von Lou und Marie ist noch ganz gut zu erkennen. Gestern hatte ihn jemand für ein Känguru gehalten, und so stand es dann...

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30. März 2020 – Schnee

„30. März – heute ist ja der Tag, an dem wahrscheinlich viele von euch noch ihr ganz normales Gehalt aufs Konto bekommen werden.“ – so moderiert gerade Marwa Eldessouky auf WDR Cosmo, einem unserer liebsten Radiosender (ja, eindeutig ein Tipp), ein Interview übers...

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29. März 2020 – Soli-Fonds

Beginn der Sommerzeit. Seit dem frühen Morgen Schneeregen. Gestern noch liefen manche Kinder barfuß, heute ist keines in Sicht. Gegen 10 Uhr taucht eine kleine Gestalt im Matschanzug auf, springt über das Flatterband in den nassen Sandkasten. Sommer-Winter-Frühling,...

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28. März 2020 – Schooling

„Abstand!“ – Gestern Abend vorm Singen eine neue Szene: unsere Kleinsten erinnern sich gegenseitig an die Abstandsregeln. Eine Gruppe von Eltern und anderen LeNas hatte diese am Vortag nochmals besprochen und Ideen entwickelt, um den Kindern zu helfen sich daran zu...

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27. März 2020 – Quarantäne

Rumms, bumms, ein altbekannter Lärm unterbricht die Stille. Sperrmüll. Ein Lob an die Stadt Lüneburg, andernorts sind die Sonderdienste eingestellt. Aus der Normandie meldete sich ein alter Mann zu Wort: „Denkt daran, dass der Frühling nicht gestrichen werden kann.“...

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