„There is no normal life, only life.” Diesen Satz habe ich gestern gelesen und seitdem geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. (Im Buch, ein schnulziger Liebesroman, der während des Amerikanischen Bürgerkrieges spielt, sagt ihn der zynische Arzt im Feldlazarett zur Protagonistin, einer Südstaatenwitwe, als diese sich ihr Leben vor dem Krieg zurückwünscht).
Ebenfalls gestern habe ich gemeinsam mit Thommy ein Bild angeschaut, auf dem ein Zirkuspublikum zu sehen war. „Das ist aber schon sehr lange her,“ sagte er dazu. „Warum sagst du das?“ wollte ich wissen. „Na, die halten doch gar keinen Abstand,“ kam die Antwort. „Ich bin der Abstand“ tönt seine kleine Schwester Ada jetzt täglich. Für die Kinder ist der Abstand sehr präsent; auch wenn sie ihn im Spiel immer mal wieder vergessen. (Und, mal ehrlich, wer von uns Erwachsenen hält das immer durch?). Ich frage mich oft, wie in ein, zwei, drei Jahren unser Umgang miteinander sein wird. Was wird hängen bleiben aus dieser „Zeit des Abstands?“
Alle von uns wünschen sich endlich den Abstand vom Abstand nehmen zu können, anderen Menschen endlich wieder näher sein zu können, soziale Kontakte wieder ohne Metermaß pflegen zu können. Alle von uns wünschen sich irgendeine Form der Normalität; wieder so leben wie „vorher“, wieder zur Schule gehen, die Kinder zur Kita bringen, eine Reise planen, Party feiern… doch je mehr über alle möglichen Formen der Lockerungen diskutiert wird, desto klarer wird auch, dass eine wirkliche „Normalität“ noch in weiter Ferne liegt. Wir werden bis auf Weiteres mit Beschränkungen und Auflagen leben müssen. „There is only life“, und wir müssen’s nehmen, wie es kommt.
Einfach ist das nicht. Das beschreibt Frida wehmütig in ihrem Text über das Vermissen ihrer Wahlenkel und des gewohnten Alltags beim Stadtbummel. Brigitte hat einen Ausflugstipp in der näheren Umgebung; hier kann man wirklich mal auf Abstand zu allem gehen. Und schließlich teilt Aljoscha den Bericht eines Freundes, der mit Familie in Ecuador lebt. Neben einer Beschreibung der ausweglose Lage, in der sich sehr viele Menschen dort nun befinden, bittet der Freund um Spenden für sein ad hoc begonnenes Hilfsprojekt in einem Land ohne funktionierende staatliche Auffangnetze.
Seit drei Tagen wird bei uns abends nicht mehr gesungen. Ob es wieder anfängt?
Der Motivationsspruch von Levke: „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern“.
Polly

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Frida

Ein Huhn heißt Frida, und ich heiße auch Frida. Die Frage ist, wer war zuerst da, das Huhn oder ich oder umgekehrt, und warum trägt Frida keinen Mundschutz? Vielleicht weil es bei LeNa lebt? Mundschutz, was ist das eigentlich?
Zuerst fand ich die vielen, bunten Masken noch ganz lustig. Als ich vor ein paar Tagen in der Stadt war, fand ich das gar nicht mehr lustig. In dem einen Geschäft hieß es gleich: „Wir haben schon zwei Kunden im Laden, warten Sie bitte!“ Da ich nur einen kurzen Besuch in der Werkstatt machen wollte, durfte ich hinein. Beim nächsten Laden gab es kein Gummiband, beim übernächsten keinen Pfeifenputzer um Mundschütze nähen zu können. Ich konnte keinen Kaffee trinken, so ging ich wieder nach Hause.
Alles fehlt? Ich kann nicht mal schnell zu Martin und Anne gehen, einen Tee trinken und ein bisschen quatschen! Ich kann nicht erleben, wie Jonas seinen ersten Zahn verloren hat und sich Marie über die Hühner gefreut hat. Und dann noch das Plappern von Sophie. Das Alles fehlt. Wir können uns nur über den Balkon verständigen. Nur im Wald und bei LeNa muss ich keinen Mundschutz tragen, und wenn dann jemand mir begegnen sollte, kann ich ja auf Abstand gehen.

Brigitte

Gestern, Sonntag, den 3.5. 2020 machte ich mich bei kühlem Wetter auf, einen besonderen Ort im Landkreis Uelzen aufzusuchen, die Woltersburger Mühle.
Da ich in dieser Region vor meinem Umzug nach LeNa gelebt, persönliche Kontakte zu den Initiatoren dieses schönen Fleckchens habe, konnte ich seine Entstehung von Anfang an beobachten. Zunächst war es ein völlig verwahrlostes ehemaliges Wassermühlenareal zwischen Oldenstadt und Woltersburg, nahe Uelzen, in einem Laubwaldgebiet gelegen. Immer wieder bin ich über die Erweiterung baulicher, künstlerischer Art erfreut.
Einige Sätze zur Geschichte des Projekts Woltersburger-Mühle:
Der Initiator der Uelzener Projekts, IDA (Integration durch Arbeit), Gerard Minaard, hatte zunächst in Uelzen diese Institution gestartet. Viele Menschen unterstützten ehrenamtlich die integrative Maßnahme in Form einer Produktionsschule. Menschen mit unterbrochenen Biografien wurden dort auf einen Schulabschluss vorbereitet, langzeitarbeitslose Menschen über den 2. Arbeitsmarkt vermittelt.
Nach dem Erwerb des Mühlengeländes konnten diese Menschen dort wiederum unter Planung und Anleitung ehrenamtlich tätiger Menschen das Gelände entrümpeln und mit der Gestaltung dieses schönen Ortes beginnen. Betriebe und Handwerksmeister unterstützten durch großzügige Spenden und Planung. Nach und nach wurden alte Gebäude restauriert, umgenutzt und neu gebaut. Das Konzept erweitert.
Die wichtigsten Arbeitsbereiche sind jetzt:
– Dienstleistungszentrum IDA (Integration durch Arbeit) und die Jugendwerkstatt „Produktionsschule Uelzen“
– Zentrum für biblische Spiritualität u. gesellschaftliche Verantwortung
– Netzwerk für Kunst und Kultur
– Café
– Übernachtungshäuser u. Seminarräume
Es scheint, als ob immer noch neue Bereiche entstehen könnten. Da in der nächsten Woche wieder Restaurationsbetriebe öffnen dürfen, kann man dort auf der Terrasse oder auch innen wieder Kaffee und Kuchen genießen.
Sowohl eine Radtour als auch ein Ausflug mit dem Auto (ca. 40km von
Lüneburg) lohnen sich, um das Mühlenareal und die schöne Umgebung zu genießen, evtl. auch mit einer Führung. Am Elbe-Seitenkanal lässt es sich gut sowohl von Lüneburg als auch von Bad Bevensen aus fahren. Bis dahin auch mit dem Zug.

Aljoscha Ecuador – ein persönlicher Krisenbericht

In unserem Sommerurlaub wollten wir in den Anden wandern und in den Regenwaldflüssen von Ecuador paddeln. Freunde von uns sind vor einigen Jahren mit ihren Kindern in einen Vorort von Quito gezogen. Seit Anfang des Jahres haben wir den gemeinsamen Urlaub miteinander geplant.
Ende März berichten sie uns, dass durch die aufgrund des Virus verhängte Ausgangssperre (von 14 Uhr bis in die Morgenstunden) die Situation kritisch zu werden droht. Und sie erzählen uns von gelebter Solidarität in der gut vernetzten Nachbarschaft, die sie optimistisch stimmt.
Vor ein paar Tagen erreichte uns dann folgende Nachricht von unserem Freund Christian:
„Ecuador hat ja zusätzlich zum Corona Stress noch einen riesigen Ölunfall zu beklagen, der den Ölexport derzeit auf Null sinken ließ – bei dem aktuellen Ölpreis eigentlich egal, aber die Verseuchung betrifft Tausende Indigene, die am Flussufer leben, in den das Öl geflossen ist, und den Regenwald. Hierzu habe ich einen Artikel von meiner Organisation Acción Ecológica übersetzt und in das Nachrichtenportal NPLA gespeist.
Auf meine Frage, wie vor dem Hintergrund der Corona-Krise in Ecuador mit dem Ölunfall umgegangen wird, schrieb er: „handlungsfähig ist hier gerade keiner, sondern mit den essentiellen Dingen beschäftigt. Meine Hauptbeschäftigung ist derzeit Hausaufgaben und Schulhilfe für die kids, denn der Stoff wird durchgezogen. Dann Akquise von Spenden für die indigenen Familien und unsere Nachbarn. Wir haben mittlerweile über 150 Familien auf der Nothilfeliste. Hier herrscht schlicht Hunger, und es ist schwer erträglich, welches Ausmaß das inzwischen hat.“
Wie können wir unterstützen? fragte ich ihn. „Ich sammle Geld, gebe natürlich auch selber, teile, kaufe immer mehr ein. Die alte Argentinierin von nebenan, die vor der Diktatur geflüchtet war und nicht raus kann, die venezolanische Geflüchtete, inzwischen Freundin von uns, Don Marcelino, drei Häuser weiter, der das alles nicht mehr versteht, die Familien im Kiez Ocaña (von uns aus Luftlinie nur 300 Meter entfernt), von denen die Mehrzahl von Einnahmen auf der Straße lebt und keinerlei finanzielle Ausweichmöglichkeit haben.
Bin außerdem in Kontakt mit Dachverbänden der indigenen Völker der `Sapara` und `Waorani`, mit denen ich arbeite. Deren Familien leben im Regenwaldstädtchen Puyo, auch sie sind ohne Lebensmittel. Aus den Gemeinden im Regenwald häufen sich Hilferufe nach Medikamenten. Auch hier sammle ich und überweise Geld, hinfahren geht ja nicht, man kommt nicht mal bis zur Stadtgrenze. Öffnung ist in Quito nicht in Sicht.“
Nachdem ich das gelesen hatte entschied ich mich, darüber in unserem LeNa-Tagebuch zu schreiben, und bat ihn um weitere Infos. „Ich hätte nie gedacht, dass meine Hauptbeschäftigung hier einmal humanitäre Hilfe, mit Lebensmitteln und Medikamenten, sein würde. Nun ist es so. Wir leben hier eben nicht in einer Expat- Bubble. Die Reichen wohnen auch bei uns im Tal, und sind eher die, die dann eben noch einen Wachmann mehr einstellen und sich abschotten. Man sieht jetzt an Flugzeugen auch keine Linienflüge mehr, aber Privatjets starten, die ganz reichen Familien schaffen ihr Geld außer Landes und evtl. auch schon sich selbst… no good. …während bei uns in Sichtweite die Nachbarn leben, denen wir zwei Tüten Lebensmittel alle zwei Wochen ausliefern, auf eigene Faust, ohne jede Unterstützung der komplett abwesenden Regierung.
Bei uns liegen die Leichen zwar noch nicht auf der Straße wie in der Stadt Guayaquil, aber es gibt ein stilles Sterben. Ich habe selbst beim Verteilen der Lebensmittel sehr dramatische Dinge gesehen. Hier ist die Bevölkerungsmehrheit Risikogruppe, also Armut als Risikofaktor, den es in Deutschland ja kaum gibt. Daher ist hier alles so total auf Null gesetzt. Die Mehrheit hat keine Chance, einen Arzt zu sehen, und selbst wenn: Hunderte von Ärzten sind infiziert, schon vor einigen Monaten waren 40% des medizinischen Personals infiziert. Die müssen aber weiterarbeiten, sonst droht ihnen der Entzug der Approbation. Mittlerweile gibt es auch kaum noch Behandlungsmöglichkeiten für privat Versicherte, auch wir dürfen jetzt einfach nicht sehr krank werden oder uns verletzen. Das wenige, was es an Gesundheitssystem gibt, ist komplett zusammengebrochen.
Im WhatsApp-Chat des Gemeinderates, in dem ich auch bin, kommen Warnungen vor Hauseinbrüchen, auch akute Hilferufe, wenn bei einem Einbruch einfach keine Polizei kommt. Das ist gefährlich, weil die Einbrecher natürlich wissen, dass alle zu Hause sind. Vor drei Tagen ist eine Projektpartnerin von uns im Haus überfallen worden, und ihre dreijährige Tochter wurde getötet.
Staatliche Angestellte bekommen gerade ihren Lohn nicht oder nur sehr verzögert. Das hängt mit dem Fehlen von Staatseinnahmen zusammen, denn der Präsident hatte zum Aufschrei des ganzen Landes noch schnell 325 Mio. Dollar Kreditrückzahlung an den IWF überwiesen – Wahnsinn!
Und dann brachen eben, wie ihr ja nun wisst, die beiden größten Erdölpipelines, wahrscheinlich aufgrund eines schlecht gemachten Wasserkraftwerkes, das einen gestauten Fluss absacken ließ, an dessen Ufern die Rohre verlaufen. Das alles belegt, dass die Krise schon lange präsent und hausgemacht war, wenn alles derart rasch kollabiert.“
Wer indigene Familien im Tiefland von Ecuador oder Menschen in Quito mit Lebensmittelspenden unterstützen möchte, kann mich ansprechen. Persönlich oder über das Kontaktformular unserer LeNa-homepage.
Ich gebe dann Christians Kontodaten weiter.
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