Ein kalter, zugiger Tag. Am frühen Nachmittag erst tauchen im Garten die ersten Kinder auf. Hinter den Kulissen laufen Vorbereitungen für die morgige Gedenkstunde zum 8. Mai. Im Flur von Haus 1 entdecke ich eine Friedensfahne.
Unter der alten Eiche liegen bäuchlings, auf einer rosa Decke, die beiden Philosophen Toni (9) und Juju (8) und stecken ihre Nase in ernste Bücher. Während die kleinen Mädels in den Buchen hinter dem Kompost herumklettern. Tischtennis zu viert, ein einsamer Riese übt Basketball.
Es riecht nach Butterkuchen, später nach Feuer, Manfred grillt.
Und schon ist Abend, gegen 19 Uhr finden sich wieder Erwachsene und ein paar Kids zum Singen ein.
Es war Aljoscha, der den Ball ins Rollen gebracht hat. Seine Idee: für den 8. Mai ein Partisanenlied einzustudieren. Ein paar Choristen, Kontrabass, Gitarre, so fing es an, der genaue Gang der Dinge ist nicht so ganz klar. Flurfunk, Ping-Pong per Mail, wie das so ist in diesen Zeiten, jedenfalls mehrten sich die Ideen, diese gelangten schließlich in die große Runde. Eine Gedenkfeier bei LeNa!?
Öffentliche Feiern und Kundgebungen in Stadt und Land fallen bekanntlich aus. Also machen wir selber eine! Etwas Neues und, wie ich finde, sehr Gewagtes. Ein gemeinsames Gedenken, ohne dass wir im Plenum und intensiven Gesprächen darüber beraten hätten – über Lieder, Texte, Rituale, in denen sich möglichst viele von uns wiederfinden? In denen auch unsere Verschiedenheit zum Ausdruck kommt, die unterschiedlichen politischen Orientierungen und Geschichtsbilder, die Erfahrungen der Generationen, in der eigenen Familie?
In den Stimmen vom 8. Mai 2020 ist noch viel Schmerz zu spüren. Drei Nachkriegskinder, Berta, Wini und Uwe erzählen vom Krieg ihrer Väter und dem Einfluss auf ihr eigenes Leben. Joachim spricht aus der Perspektive der Enkel und fordert zum Kampf gegen rechts auf.
Maries Motivationsspruch für heute passt gut zum Thema: „Folge nicht, sondern gehe voran.“
Ulla

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Berta

In meiner Kindheit sind wir nie ans Meer gefahren – immer südlich meiner Heimat gewesen. Erst später habe ich es verstanden.
Ein Gespräch mit meinem Vater darüber war nie möglich. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er nach allem, nur durch einen Zufall 1945 nicht auf „der Gustloff“ gelandet ist.
Meine Brüder haben das ‚Kriegsschweigen“ auf ihre Weise getragen. Ich hatte das Glück, dass noch weitere 19 Jahre dazwischen lagen. Und dass das Bedürfnis da war, mich ausdrücken und mitzuteilen, immer wieder, immer mehr, immer weiter weg…. Richtung Norden.
Das war gut für alle. Um wieder nah sein zu können.
Gut hier zu sein. Im Frieden.
 

Wini

Der 8. Mai 1945 meines Vaters Stephan

Wann immer mein Vater vom 2. Weltkrieg erzählte, geriet er schnell in Rage. Was als Versuch einer Ereignisschilderung begann, entwickelte sich in eine Schimpfkanonade. Er verfluchte „Hitler und seine Bande“, sprach von den „Kriegsverbrechern“ und dass man alle aufhängen oder an die Wand stellen müsse. (Das hat mich oft sehr erschreckt, wenn er so aufbrauste, denn eigentlich war er eher zurückhaltend, auf Harmonie aus)
Nach und nach erfuhr ich, dass er in den letzten Tagen des April 45 mit seinem Bataillon an der deutschen Ostfront den Befehl hatte, eine wichtige Hügel-Stellung zu halten. Als einzige von mehreren Hundert Soldaten überlebten er und sein Freund einen 24-stündigen Sturmangriff der Roten Armee in einem Erdloch.
Man brachte sie, kurz vor dem 8. Mai, zu anderen deutschen Kriegsgefangenen in das Konzentrationslager Auschwitz. Dort erfuhr er von den grauenhaften Verbrechen. Einige Wochen blieben sie dort interniert, tagsüber demontierten sie Industrieanlagen der IG Farben, nachts schliefen sie in den Baracken der ehemaligen Häftlinge. Als die Demontagearbeiten beendet waren, wurden sie mit vielen andern in Viehwaggons geladen und Richtung Osten transportiert. Nach Wochen erreichten sie ein Kriegsgefangenenlager in der kasachischen Steppe bei Karaganda.
Bis zum Herbst 1949 blieb er dort interniert, hatte die demontierten Industrieanlagen wieder aufzubauen. Schuftete im Steinbruch bis minus 30 Grad, arbeitete bei Gluthitze auf den Feldern.
Er sah diese Zeit als gerechte Strafe für die ungeheuren Kriegsverbrechen der Deutschen. Er selbst war in keiner NS-Organisation gewesen, auch nicht Mitglied der NSDAP. Aber er sagte mir, dass er in Gefangenschaft begriff, dass er Verantwortung zu übernehmen habe. Er engagierte sich im antifaschistischen Lagerkomitee, versuchte, Mitgefangene von der deutschen Schuld zu überzeugen.
Im Spätherbst 1949 kehrte er zurück nach Bayern. Umarmte nach 5 Jahren seine Frau, seinen ersten Sohn, Alfred. 9 Monate später kam ich zur Welt, wurde „Winfried“ genannt, „Freund des Friedens“. Das war sein Programm, denn er sah mit Entsetzen, wie viele „alte Kameraden“ bereits wieder in Amt und Würden waren. Er trat in die KPD ein, kämpfte gegen die deutsche Wiederbewaffnung.
Für mich und meine Familie kein leichtes Gepäck: aufzuwachsen im katholischen Milieu, umgeben von Menschen, die in ihrer Mehrheit behaupteten, von alledem nie etwas gewusst oder geahnt zu haben.
Das änderte sich auch nicht, als wir nach Nordrhein-Westfalen umzogen, in die Heimat meiner Mutter. Am Gymnasium hatten wir einige Lehrer, die aktive Nazis gewesen waren, von denen es hieß, dass sie sich zum Beispiel an den Gräueltaten in der „Reichspogromnacht“ beteiligt hätten.
Natürlich war ich gegen die Notstandsgesetze, natürlich für die Aussöhnung mit dem Osten. Als Willy Brandt in Warschau auf die Knie fiel, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, in einem respektablen Land zu leben.
Meinem Vater hatten der Krieg und die lange Zeit der Gefangenschaft sehr zugesetzt. Eine schwere Krankheit folgte auf die andere, zuletzt bescheinigte man ihm 175 % Kriegsbeschädigung, erwartete, dass er bald sterben werde. Aber er hatte einen starken Lebenshunger, biss sich durch, war sauer, dass man ihm und so vielen anderen so viel Leben gestohlen hatte. Schließlich sollte er 81 Jahre erreichen. Wir beide freuten uns, als Richard von Weizsäcker 1985 seine berühmte Rede hielt und dieser (endlich) von einem Tag der Befreiung sprach. Ein Bundespräsident, der CDU-Mitglied war …

Die Zeiten hatten sich geändert.
 

Joachim

Die mit mir in den 70er Jahren Geborenen gehören zu denen der Enkel der Tätergeneration des nationalsozialistischen Deutschlands. Die Befreiung vom Faschismus vor 75 Jahren begehen am heutigen Tag rund um den Globus mehrere Generationen mit unterschiedlichsten Gedenkveranstaltungen. Nazideutschland ein Ende zu bereiten, schaffte damals in Deutschland die Bevölkerung nicht selbst und wollte es mehrheitlich auch nicht. Zu sehr war sie selbst tragender Pfeiler des Nationalsozialismus. Die Befreiung vom Faschismus ist den Alliierten zu verdanken, den britischen Bomberpilot*innen, den amerikanischen Truppen und der Roten Armee, sowie den zahlreichen Widerstandskämpferinnen und -kämpfern. Mit militärischen Mitteln bezwangen sie die NS-Diktatur in die Knie als Reaktion auf deren über Europa millionenfach gebrachtes entsetzliches Leid und Unrecht.
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ sagte der Schriftsteller Primo Levi. Als Mitglied der italienischen Widerstandsbewegung wurde er 1943 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte.
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“.
Es sind Worte, die auch über 70 Jahre später immer noch Gültigkeit besitzen. Wir sehen die rechte Hetze in den Parlamenten, auf der Straße und dem Campingplatz. Hören im Geschäft und in der Bahn die längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand geäußerten Vorurteile voller Abscheu und Hass auf Migrant*innen, Wohnungslose, Schwule, Lesben und Transgender. Gegen Jüdinnen und Juden gerichtete Feindseligkeiten gehören auch in der Mitte der Gesellschaft zum verbreiteten Repertoire. Dass es nicht nur bei rassistischen, antisemitischen und homophoben Äußerungen bleibt, zeigen die traurigen Beispiele hundertfachen Mordes aus gleichlautenden Motiven in den letzten Jahrzehnten in Deutschland.
Die Angehörigen der vom NSU-Komplex ermordeten Menschen warten auch fast 10 Jahre später noch auf Antworten auf ihre Fragen.
So fragt Elif Kubaşık, Witwe des am 4. April 2006 ermordeten Mehmet Kubaşık anlässlich der vor zwei Wochen zugestellten schriftlichen Urteilsbegründung im NSU-Prozess:
„Wie konnte eine bewaffnete Gruppe über Jahre hinweg faschistische Morde und Anschläge in Deutschland begehen? Warum wurden sie nicht gestoppt? Was wusste der Staat davon? Bevor Mehmet ermordet wurde, hatten sie schon sieben andere Menschen umgebracht“.

weiterlesen

Und wieder sind es staatliche Organe, in denen rechtextremer Sumpf gedeiht. Rechter Terror wird in den Reihen von Polizei, Bundeswehr und Spezialkräften geplant und verbreitet. Gleichzeitig treibt Deutschland eine Militarisierung seiner Außenpolitik voran und nimmt dabei eine Vorreiterrolle innerhalb der EU ein. Und wieder sitzen in den Parlamenten aller Bundesländer Rechtsradikale. Sie folgen dabei den Worten Joseph Goebbels, der schon Ende der zwanziger Jahre (vor gut 90 Jahren also) die Stoßrichtung vorgab. Damals wies er an: „Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache. Wir zerbrechen uns darüber nicht den Kopf. […] Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir“. Es macht Mut, dass sich auch viele junge Menschen den Nazis von heute in den Weg stellen, ihre Aufmärsche blockieren und die Infostände und Auftritte der AfD behindern. Viel zu oft geht die Polizei dabei unverhältnismäßig gegen den Protest gegen rechts vor. Auf dem rechten Auge blind, stimmt leider noch immer. Antifaschistischer Widerstand wird behindert und mit Repressionen belegt. Der bundesweiten Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen wurde kürzlich die Gemeinnützigkeit entzogen. Bleibt zu hoffen, dass noch viel, viel mehr Menschen bereit sind, aufzustehen gegen Rassismus, Antisemitismus und menschenfeindliches Verhalten. Und dass diejenigen, die Rassismus und Homophobie erfahren mussten, ungeteilte Solidarität erfahren. Auch aus der Mitte der Gesellschaft. Das Erinnern und Gedenken an die Opfer von Faschismus darf nie enden und findet jeden Tag statt. Auf dass meine Generation nicht die nächste von Täterinnen und Tätern werde.
 

Uwe

Ich habe einen kurzen Text von Martin Niemöller ausgesucht, wenige Worte, die ich aber sehr schätze. Er geht so:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
 
Ich selber stamme aus einer eher unpolitischen Familie. Mein Vater war Soldat in der Wehrmacht, aber sicher kein strammer Nationalsozialist. Kein Täter, soweit ich weiß, aber auch kein Opfer. Sehr früh habe ich mir dann andere Vorbilder gesucht: Widerstandskämpfer und aus dem Exil zurückgekehrte Menschen. Ich lernte, ihnen zuzuhören; und ich übernahm ihre wichtigste Botschaft: dass unser oberstes Ziel Toleranz sein muss, auch gegenüber Andersdenkenden. Und dass es keinen Besitzanspruch auf den angeblich richtigen Antifaschismus gibt. Auch LeNa funktioniert für mich nur als ein Miteinander von verschiedenen Richtungen und Haltungen. Dabei kann Martin Niemöllers Text Pate stehen.
 
 
Scroll Up