Auf dem Beet der Ost-Ausfahrt liegt ein toter Maulwurf. Falls ihn jemand seinem Kind zeigen will, kann es noch bis morgen Mittag passieren. Später begrabe ich ihn“, schreibt Brigitte gestern Abend an alle. Und so beginnt der heutige Tag damit, dass Thommy, Ada und ich noch vor dem Frühstück in unsere Latschen schlüpfen und das tote Tier begutachten. Frauke regt später an, diese Mail müsse mit ins Tagebuch aufgenommen werden, da sie so viel über unser Zusammenleben aussage. Ja, das tut sie: So wie Brigitte kümmern sich viele jüngere und ältere Erwachsene immer rührend um die Kinder, zeigen ihnen solche Kostbarkeiten des Alltags und beziehen sie in viele Tätigkeiten rund um Haus und Garten ein. Kürzlich sah ich aus dem Fenster, wie Thommy, Simon, Jonas und weitere Kinder Reinhold beim Schneiden der Rasenkanten mit dem elektrischen Trimmer helfen durften, und ich freue mich immer wieder über die Geduld, mit der meinen Kindern hier begegnet wird.

Und ich liebe es sehr, die anderen Kinder zu beobachten. Heute zum Beispiel Lina, Lou und Marie, die eine lange Reihe an Nagellackfläschchen in allen möglichen Farben und mit viel Glitzer in der Ruhe-Ecke aufgebaut hatten. Mit großer Hingabe probierten sie diverse Farben durch ¬– und boten allen, die vorbeikamen, an, ebenfalls mal eine neue Farbe auszuprobieren.
Ganz langsam öffnen wir uns weiter. Immer mehr Erwachsene arbeiten zumindest teilweise wieder außerhalb des Home Office. Immer mehr Kinder kehren, zumindest teilweise, in Schule und Kita zurück und dürfen sich auch wieder mit einzelnen Freund*innen treffen. Wir beginnen, über Freizeitmöglichkeiten zu diskutieren („Wann und wie öffnen die Schwimmbäder?“ „Wie war das Paddeln auf der Ilmenau?“), Urlaubsreisen werden (um)geplant: Ostsee statt Mittelmeer, Radfahren an der Müritz statt Wandern in den Anden, endlich wieder ein Besuch bei der Familie in Süddeutschland.
Und auch an dieser Stelle blicken wir heute wieder in die Welt jenseits von LeNa: Andrea Westerkamp von der Buchhandlung am Lambertiplatz schildert uns, wie sie die Zeit der Corona-bedingten Ladenschließung erlebt hat. Claudia Kuchler von der Caritas Lüneburg stellt das Wanderbuch-Projekt vor, und die Gemeinschaft Mittendrin-Leben lässt uns an ihrem Alltag der letzten Wochen teilhaben.
Polly
 

 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

 

 

Andrea Westerkamp/ Buchhandlung am Lambertiplatz

 
Unsere Corona-Krisenerfahrung erreichte für mich einen ersten Höhepunkt, als ich am 18.März die Ladentür schloss, ohne zu wissen, ob und wenn ja, wann ich sie je wieder öffnen könnte.
Existenzangst, Ohnmachtsgefühle, Wut, Verzweiflung sorgten dafür,
dass ich in den nächsten Nächten eher wenig Schlaf bekam.
Wie lange würden wir durchhalten können?
Für Frau Matthaei und mich stand jedoch von vorne herein außer Frage, dass wir kämpfen würden. Das Konzept schien einfach und leicht umsetzbar: Liefer- und Abholservice unter Einhaltung der Abstandsregeln.
(Das führte zu einem Bänderriss, weil ich schnell die Treppe hinunter leider ins Leere sprang, um der Kundin nicht zu nahe zu treten…)
Morgens gegen 6:30 Uhr trafen wir uns fortan im Laden.
Hochmotiviert packten wir die gewünschten Bücher aus, schrieben unzählige Rechnungen, teilten Stadt und Umland unter uns beiden auf, berieten am Telefon, beantworteten Mailkontakte, öffneten zwischendurch immer wieder die Ladentür, um Ware herauszugeben, und sanken erschöpft, aber begeistert, mittags in unsere Autositze, um den Lieferservice zu erfüllen.
Die Fahrten durch Lüneburg und Umgebung hatten fast etwas Meditatives nach der Vormittagshektik. Außerdem kann ich, sollte uns die nächste Krise ereilen, zur Not als Taxifahrerin mein Geld verdienen, habe ich doch Straßen und Wege kennen gelernt, von deren Existenz ich zuvor keine Ahnung hatte!
„Sie bringen das selbst vorbei?“ war übrigens eine der häufigsten Fragen.
Dank der überwältigenden Unterstützung so vieler unserer Kunden,
sehen wir nun entspannter auf die nächsten Wochen und Monate.
Somit gibt es für uns durchaus Positives zu vermelden: Wir durften intensiv und zigfach Solidarität und Zuspruch, Dankbarkeit und Aufmunterung erfahren!
Für LeNa alle Gute und herzliche Grüße!
 
 

Claudia Kuchler, Caritas Lüneburg /Geschwister-Scholl-Haus

 
Da der persönliche Austausch in der aktuellen Situation der Corona-Pandemie zum einen erschwert, zum anderen aber wichtiger denn je ist, haben sich das Mehrgenerationenhaus Geschwister-Scholl-Haus /Caritas und die studentische Initiative AKS (AndersKreativSozial) etwas Besonderes einfallen lassen: Wir möchten mit euch allen in Kontakt treten und gleichzeitig ein Zeichen von Verbindung und Solidarität setzen. Mit dem Projekt „Wanderbuch Lüneburg 2020 – mitmachen und weitergeben“ erfahrt ihr voneinander,  wie es euch geht, wie ihr den Tag bestreitet, über was ihr euch Gedanken macht und worauf ihr euch freut, wenn alles wieder seinen gewohnten Gang geht.
Dazu schicken wir 30 Wanderbücher auf die Reise – durch die Nachbarschaft, die Stadt Lüneburg und auch den Landkreis. Darin könnt ihr alles notieren, was euch so umtreibt und was ihr mitteilen wollt, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. So können wir aneinander teilhaben, ohne uns zu sehen oder nah zu sein.
Liebe Nachbarin, lieber Nachbar, wir schicken die noch leeren Bücher auf die Reise von Mensch zu Mensch und von Haus zu Haus durch unser schönes Lüneburg! Uns verbindet vieles: das Leben in dieser schönen Stadt, Bekanntschaften, Freundschaften, Nachbarschaften … und die Situation in der Coronakrise, in der wir nicht mehr so unbeschwert unsere Kontakte pflegen können. Deshalb wollen wir mit diesen Wanderbüchern ein Zeichen der Verbindung setzen, in Kontakt kommen und etwas voneinander erfahren. Bewusst nicht online, sondern ganz unmittelbar mit eigener Handschrift.
Zum Jubiläum des 20-jährigen Bestehens des Geschwister-Scholl-Hauses und des AKS im Jahr 2021 sollen die Wanderbücher als Sammlung vielfältiger Einblicke von Menschen aus unserer Region ausgestellt werden. Alle sind eingeladen mitzumachen und dieses gemeinsame Zeitdokument mitzugestalten!
Bei wem das Buch in den nächsten Wochen noch nicht angekommen ist, aber trotzdem gerne einen Teil beitragen möchte, kann eine oder mehrere Seiten gestalten und diese an das Mehrgenerationenhaus senden. Die Beiträge werden dann in das vor Ort liegende Buch eingeklebt.
Wir freuen uns auf die Beiträge (DinA4 mit viel Rand) und über Rückmeldungen und Einsendungen an: Mehrgenerationenhaus Lüneburg, Carl-von-Ossietzky-Str. 9, 21335 Lüneburg infomehrgenerationenhaus@caritas-lueneburg.de
Bitte gestalte eine Seite Din A4 mit viel Rand, da die Seite beschnitten werden muss, eine Doppelseite oder mehrere Seiten. Du kannst dies allein, mit deiner Familie, deiner WG oder Hausgemeinschaft tun. Schreib(t) einfach auf, was Dir und Euch heute einfällt, es reicht ein Satz /ein paar Sätze z.B.:
Wie geht es dir?
Worüber freust du dich?
Was sorgt dich?
Was vermisst du?
Was wünschst du dir?
Schreibe ein Rätsel, oder ein Gedicht, oder einen Witz,
Male oder zeichne etwas hinein,
Bastel etwas und klebe es in das Buch,
Oder erzähle von deinem Hobby,
Gib ein Kochrezept weiter,
Klebe ein Foto hinein,
Auf jeden Fall einen persönlichen Gruß.
Bitte, hinterlasse das Datum und deinen Namen, wenn du möchtest. Gerne kannst du auch noch dein Alter und deinen Stadtteil/Ort dazuschreiben.
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!
Auch zu LeNa wird ein Buch wandern. Herzliche Grüße Euch allen.
 
 

Gemeinschaft Mittendrin Leben/ Dahlem-Harmstorf

 
Corona in Gemeinschaft – das social distancing widerspricht dem Grundgedanken von Gemeinschaft natürlich fundamental.
Was macht das mit uns? Viele von uns sind mehr hier, das Leben ist ruhiger geworden, der Himmel blauer, und manches können wir genießen. Aber es gibt auch die andere Seite, dass einige von uns beruflich mehr gefordert sind als zuvor, während andere plötzlich kein Geld mehr auf ihr Konto bekommen und auch keine Hilfe vom Rettungspaket in Sicht ist. Wir haben unter uns einen Sozialfond gegründet. Und zum Glück steht die Gemeinschaft noch nicht vor der Herausforderung, Mieten, die nicht mehr gezahlt werden können, auffangen zu müssen.
Unsere Kinder sind alle nicht mehr in Kitas, aber da wir das Glück von großen Gartenflächen haben und nah an der Natur wohnen, gibt es viel freie Bewegungsmöglichkeit für alle, und das hilft auch den Kindern sehr.
Und unsere älteste Bewohnerin (86 Jahre) steht sehr gelassen all dem gegenüber und sagte dazu: „Aber an irgendwas muss man doch sterben dürfen!“
Das größte Wunder für unsere Gemeinschaft war die Geburt von Yara hier auf dem Hof, einem feinen, starken Mädchen, an der wir uns alle erfreuen. Insofern fühlen wir uns hier gesegnet und reich beschenkt.
Natürlich löst so eine Krisenzeit auch ganz unterschiedliche Gefühle, Reaktionen und Meinungen bei jedem von aus, und wir spüren als Gemeinschaft die Herausforderung dabei miteinander in guter Verbindung zu bleiben. Welch große Meinungsvielfalt hier zusammenkommt, könnt ihr an den folgenden kurzen Statements ablesen:
• Das globale, alles beherrschende Thema „Corona“ spiegelt sich auch in unserer Gemeinschaft wider. Einschränkungen im außen – aber nicht im Innenleben. Yaras Geburt machte mich weich.
Noah
• Obwohl äußerlich mehr Distanzierung gefordert und von uns unterschiedlich strikt gelebt wird, erlebe ich eher intensive Zeiten in unserer Gemeinschaft durch Konflikte, Auseinandersetzung und wieder Bemühen um Gemeinsames. Es ist eine Zeit, in der Verdrängtes sichtbar wird und auf Erlösung drängt.
Karina
• Da ich künstlerisch gar nichts mehr arbeiten darf, habe ich bei einem Landwirt in unserem Dorf als Hilfskraft angefangen: Harte, körperliche Arbeit, dauernd draußen an der frischen Luft und ganz viel lernen über Maschinen, Ackerbau und die bäuerliche Mentalität – Krise als Chance, hier vor Ort nochmal richtig anzuwachsen.
Ben (45, Schauspieler, Theaterpädagoge, Musiker)
• Seit genau 2 Monaten bin ich nun täglich viele Stunden lang in unserem „Himmel-& Erde-Garten“ tätig. Manchmal grabe ich bis zu 8 Stunden am Tag gerodete Flächen um. Bienenwiesensaat werde ich dort ausstreuen. Ein tiefer Frieden herrscht hier und ich fühle mich verbunden mit Himmel und Erde. Hier rückt meine Finanzmisere in die Ferne, und ich fühle mich unendlich gesegnet – trotz allem. Etwas Neues entsteht, hier im Garten und in meinem Leben.
Caroline
• Ich dachte mir, dass wir einvernehmlicher mit der Situation umgehen würden. Aber jeder geht seinen individuellen Weg. Letztlich ist ein Wohnprojekt auch nur ein Spiegel der Gesellschaft.
Michael
• Die Erde hat Atempause, der Frühling erscheint mir in diesem Jahr viel lebendiger, intensiver. Ich fühle mich sehr dünnhäutig, so gehen mir die mit der Pandemie verbundene Armut, der Hunger, die notleidenden Menschen sehr ans Herz.
Juliana
• Ich schwanke zwischen „ Gut, dass es nun endlich so weit ist, der Große Geist bremst den Wahnsinn ab“ und “Wie dünn ist das sicher geglaubte Fundament aus Demokratie, Pressefreiheit,  Grundrechten, Eigenverantwortung und Freiheit eigentlich?“ Sehr dünn, wenn Angst geschürt wird und die Herzen eng und starr werden.
Wolfgang
http://gemeinschaft-mittendrin-leben.de/
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