Die Hühner sind da. Das ist gerade DIE NACHRICHT hier bei LeNa, zumindest für die jüngeren (na, und auch durchaus einige von uns älteren). Gestern und heute sieht man immer wieder nicht nur die Kinder, sondern auch nach und nach viele Erwachsene Richtung Hühnergehege schlendern, denn alle möchten unsere neuen Mitbewohnerinnen kennenlernen. Auch jenseits des Zauns bleiben immer wieder Kinder und Erwachsene stehen und schauen interessiert, was da in der Ecke an der Hecke auf unserem Grundstück los ist.
Ansonsten ist es ungewohnt ruhig im Garten. Das kühle Wetter motiviert wohl eher zum drinnen bleiben. Aber als am Nachmittag die Sonne ein wenig hinter den Wolken hervor scheint, kommen doch viele Kinder und einige Erwachsene raus. Buddeln, joggen, einkaufen, spazieren gehen, und, natürlich, die Hühner bestaunen, unsere üblichen Alltagsaktivitäten.
Und: ein klein wenig „back to normal“ ist spürbar. Ein Aufruf zur Demo am 1. Mai wird geteilt, auf den Straßen sind wieder mehr Autos unterwegs. Erste LeNas verbringen wieder längere Zeiten „außerhalb“, sei es bei Verwandten oder engen Freunden. Die Lieferung für die Food Coop kommt wieder pünktlich (der Großhändler hat also wohl wieder weniger zu tun als während der Hochphase der Hamster). Und trotzdem bleibt unser LeNa-Leben weiterhin eingeschränkt, fehlen unsere Plena und Sonntagstreffen, fühlt es sich an als wäre hier die Stopptaste noch halb gedrückt. Es fehlt ein Teil des Miteinanders, des großen Ganzen, und wird nun häufiger besprochen Thema beim Laubengang- oder Briefkastengespräch. Wichtige Entscheidungen werden per Mail-Abfrage getroffen. Noch war kein schwieriges oder ausführlich zu diskutierendes Thema dabei, aber eine zufriedenstellende (wenn auch funktionierende) Lösung ist das nicht.
Wie schön, dass nach wie vor so viele Texte, Gedanken und Erfahrungen an dieser Stelle teilen. Anne teilt zwei Texte, nachdem wir uns letzte Woche länger über unsere jeweilige familiäre Situation ausgetauscht hatten – die darin beschriebenen Situationen werden auch Nicht-Eltern bekannt vorkommen. Broder teilt einen Text, in dem er einlädt, mit Kindern den Wald zu erkunden, sich vom Home- ins Waldoffice zu begeben. Und dann habe ich kurz ein paar Beobachtungen vom Hühnergehege aufgeschrieben.
Polly
 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Anne

 
(Einleitung von Polly): Nicht alles ist schlecht in dieser Zeit. Zum Beispiel ergeben sich nach wie vor zufällige Gespräche und dabei Gelegenheiten, einander besser kennenzulernen. Anne und ich trafen uns letzte Woche abends in der Food Coop und sprachen lange darüber, wie anstrengend wir beide die jeweilige Situation empfinden, als Familien rund um die Uhr zu Hause zu sein, dabei zu arbeiten, Kinder zu beschulen und/oder unterhalten, Frustration auszuhalten und zu empfinden und ständig Sand, Krümel und dreckige Socken aushalten zu müssen. Daraufhin teilte Anne diese beiden Texte, mit denen sich sicher auch Nicht-Eltern identifizieren können.
 
Alte Socke
Neulich erst wieder:
Alte Socken in allen Ecken und Winkeln: vor den Betten, in den Betten, unter den Betten, vor der Badewanne oder der Terrassentür – künden noch von ihrem Träger, der sich ihrer entledigt längst mit frischen ausgestattet fern des Schauplatzes bewegt.
Alte stinkende Socken finden ihren Weg nur äußerst selten selbstständig zum Wäschekorb. Es ist keine frohe Kunde, die sie bei meinem morgendlichen Rundgang durchs Haus verbreiten.
Ich muss gestehen, ein sehnsüchtiges Erinnern an die Träger kommt nur äußerst selten auf. Sie verbreiten in mir eher einen faden Geruch von gleichgültigem Dienstmädchendasein. Frust- und Ärgerzwerge beginnen sich in meinem Selbstwertgefühl gütlich zu tun.
Alte stinkende Sockenknäule, die ich erst noch mit bloßen Händen entwirren muss, da meine Waschmaschine sonst trotz bestem Waschmittel nicht für strahlend frische Sauberkeit garantieren will, stehen bald für mehr, werden mir zum Symbol: für all die Handgriffe, die mir stinken. Die ich den lieben langen Tag für meine Lieben erledige. Wie weit geht meine Fürsorge? Wo beginnt meine Für-mich-Sorge?
Was habe ich nicht schon alles versucht. Wie viele leidliche Diskussionen geführt. „Was regst du dich denn so auf? Was ist denn schon eine Socke?“ Und was ein umgestülpter Sandkastenschuh auf frisch geputztem Flur, ein pappiger Essstängel auf meinem Schreibtisch, eine offene Zahnpastatube oder ein noch deutliche Gebrauchsspuren vorweisendes Klo oder…
Manch guter Vorsatz, für das eine doch selbst Sorge zu tragen, ist schon über Nacht verpufft.
Ich stehe am Fenster und sortiere Socken. Ein Puzzle sondergleichen. Immer wieder fehlen Teile, tauchen aus den Tiefen meiner Waschmaschine nicht mehr auf. Warum lösen sie sich erst da in Wohlgefallen auf? Warum immer nur einer? Warum lassen sie ihren Sockenpartner zurück – nutzlos, wertlos? Warum verdünnisieren sie sich nicht schon bevor ich sie gerochen, entdeckt, gewendet, in den Keller getragen und in die Waschmaschine gestopft habe?
Wie viele Ehen sind an der Sockenfrage schon zerbrochen?
Ich freue mich auf den Sommer: die sockenfreie Hochzeit in meinem Leben.
Text von Barbara Wiesinger, Oberstdorf
Abwaschen, um abzuwaschen
Wenn man abwäscht, sollte man nur abwaschen, das heißt, man sollte sich dabei völlig bewusst sein, dass man abwäscht. Auf den ersten Blick mag das ein wenig albern erscheinen. Warum sollte man solches Gewicht auf eine so einfache Sache legen? Aber das ist genau der Punkt: Die Tatsache, dass ich hier stehe und diese Schalen abwasche, ist eine wunderbare Wirklichkeit. Ich bin völlig ich selbst, folge meinem Atem und bin mir meiner Gegenwart, meiner Gedanken und Handlungen bewusst. Ich kann so unmöglich unbewusst umhergeschleudert werden wie eine Flasche, die von den Wellen hin und her geworfen wird. …
Es gibt zwei Arten, Geschirr zu spülen. Einmal, damit man hinterher sauberes Geschirr hat, und die zweite Art besteht darin, abzuwaschen, um abzuwaschen.
Aus: Thich Nhat Hanh „Das Wunder der Achtsamkeit“, S. 16 Achtsames Essen
 

Broder

 
Was tun, wenn die Kinder, immer noch, zu Hause sind, und endlich was anderes brauchen: Rausgehen ! –  In den Wald
Für mich liegt ein großer Vorteil, den Hummelshausener Familien mit jüngeren Kindern haben, darin, dass der Wald ringsherum gut und schnell erreichbar ist. Und deshalb möchten wir als Team vom Waldkindergarten Ihnen nahelegen, das zu nutzen. Meine Prognose: Es wird Ihren Kindern guttun, und auch Ihnen, weil es eine echte Auszeit sein kann, zum Durchatmen, zum Kopf-frei-bekommen, zum Energietanken und natürlich zum Spielen.
Die Natur, und insbesondere der Wald, bieten zwei Erlebniserfahrungen zur gleichen Zeit. Das eine ist die Neugierde. Das Naturmaterial, was rumliegt, die Pflanzen, die Tiere in der ganzen Vielfalt, sie haben einen hohen Aufforderungscharakter. Sie „sprechen“ uns an: „Hey, schau mal, hier bin ich! Kennst du mich? Hast du mich schon mal gesehen? Weißt du wie ich heiße? Weißt du, was ich mache? Weißt du, was du alles Schönes mit mir machen kannst? Ich bin was Besonderes, willst du meine besonderen Seiten kennenlernen? Nimm dir etwas Zeit, beobachte mich, lerne mich kennen, sei neugierig und interessiert, und du wirst es erfahren.“
Das andere ist das Gefühl, sich zu regenerieren. Es „spricht“ uns an auf diese Weise: „Fühl dich wohlig, fühl dich zuhause (auch wenn da mal ein paar Spinnen, Ameisen oder gar Zecken rumkrabbeln, auf die lässt sich achten). Du gehörst auch dazu, es ist gut für dich, dass du hier bist. Entspann dich, lass deine Gedanken los, sie kommen früh genug zurück.“
Diese Erfahrungen macht jede*r, egal ob Kind oder Erwachsene*r, eine gewisse Offenheit vorausgesetzt. Ein Luxus ist es, dass der sich bietende Raum oft so groß ist, viel größer, als wir es von zuhause gewohnt sind, mit Platz für viel Bewegung, und dass er immer wieder Neues bietet in Hülle und Fülle.
Um es mal konkreter zu machen: Suchen Sie sich mit Ihren Kindern einen schönen Platz. Setzen Sie sich und schauen Ihren Kindern zu, was die alles entdecken und gestalten; machen Sie mit, oder nutzen sie die Zeit für sich, für eine Pause, oder, wenn‘s sein muss mit etwas Arbeitsmaterial aus dem Homeoffice. Und kommen Sie gemeinsam wieder an diesen Platz zurück, am nächsten Tag oder in der nächsten Woche. Er wird etwas „Ihr“ Platz sein, vertraut, aber er wird sich auch verändert haben: Neue Blumen, andere Insekten usw.
Oder machen Sie sich gemeinsam mit Ihren Kindern auf den Weg, gehen sie „auf Expedition“:  Was gibt’s alles zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu riechen, zu entdecken, zu lernen.  Und was hat sich geändert, wenn Sie eine Woche später wieder diese Route gehen. Sind die jungen Spechte noch zu hören, oder sind sie schon ausgeflogen. Das Suchen und Finden kann dann durchaus lebenspraktisch werden: Was ist momentan eigentlich essbar von den vielen Pflanzen? Könnte es heute nicht eine waldmäßige Ergänzung auf dem Speiseplan geben? Wir bei den Waldhummeln bereiten uns bisweilen z.B. eine grüne Kartoffelsuppe zu, oder backen Waffeln mit Holunderblüten oder Kräutern. Das erfordert aber, dass wir uns vorher mit den Pflanzen bekannt gemacht haben, und sie genau bestimmen können. (Hier z.B. ein Link zum Sammeln essbarer Wildkräuter)
Was uns im Wald immer wichtig ist: Wir fühlen uns dort zuhause, aber wir sind gleichzeitig auch „nur“ Gast. Wir achten darauf, achtsam zu sein, behutsam mit den Pflanzen und Tieren umzugehen, und die Plätze so wieder zu verlassen, dass es „in Ordnung“ für die Natur ist.
Also, auf geht’s! Denken Sie daran: Jedes Kind darf einen besten Spielpartner dabeihaben, das ist ggf. hilfreich für Waldoffice. Und Sie werden vielleicht merken: „Das habe ich früher schon gemacht, … es ist schon lange her, … als ich noch ein Kind war…“.  Viel Spaß beim Entdecken und Entspannen wünscht Ihnen Broder von den Waldhummeln.
 
 

  

Polly

 

SIE SIND DA!!! Die Hühner: zwei Welsumer und zwei Barnevelder. Sie hören auf die schönen Namen Frieda, Lotte, Smilla und Kalia. Die beiden Tage vor Ankunft der Tiere waren Marie und Lou unermüdlich mit den Vorbereitungen beschäftigt, haben eifrig Werkzeuge organisiert, Futtereimer beschriftet und sogar ein Willkommensschild gebastelt. Dazu hat Marie uns in mehreren ausführlichen Emails darüber informiert, welche Hühner nun kommen und wie die Hühnerversorgung während der nächsten Tage organisiert werden wird.

Am Dienstag um die Mittagszeit war es dann endlich soweit, und unsere neuen Mitbewohnerinnen wurden in ihr Gehege gesetzt. Die vier kuschelten sich erst einmal ihr kleines Hühnerhäuschen, denn sie mussten sich ja an die neue Umgebung gewöhnen. Sehr zur Enttäuschung der kleinen und mancher großen Zuschauer, denn wir wollten sie doch alle mal anschauen. Die Kinder versuchten, sie zu locken, indem sie leckere Salatblätter und Mehlwürmer auf der Hühnerleiter auslegten. Die vier Damen beeindruckte das zunächst nicht. Vielleicht wussten sie noch nicht, wer nun auf welchen Namen hören soll.
Einen Tag später aber ist es, als wären sie schon immer hier gewesen. Die Hennen marschieren munter durch ihr Gehege, scharren im Laub, flattern mit den Flügeln und schauen uns neugierig an, wenn wir am Zaun stehen und sie beobachten. Am Nachmittag picken sie Körner aus Linas und Justus‘ Händen. Und die Kinder, messerscharf beobachtend, können schon allerlei Besonderes über jedes Huhn erzählen. Lou, Marie und Lina werden nicht müde, immer wieder zu erklären, welches Huhn zu welcher Rasse gehört und welche Persönlichkeitsmerkmale es jeweils auszeichnen. Während Frieda neugierig und immer vorneweg ist, „eine Bossin“, sagen Lou und Mattes, ist Lotte die Schüchterne, die sich noch am liebsten im Haus versteckt. Smilla dagegen hat ein ausgleichendes Temperament und verteidigt Lotte schon mal gegen die forsche Frieda.
 
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