Es fing spielerisch an: Mit einem Fotoshooting im Garten, am Samstagabend, vor dem gemeinsamen Singen. Viele hatten ihre Masken mitgebracht. Staunen, Witzeln. Fremdheit, Vertrautheit. Ein Gruppengefühl der neuen Art. In Blicken und kurzen Wortwechseln (wenn gerade kein Kind in der Nähe war) signalisierten wir einander, dass uns der Ernst der Situation bewusst ist. Mit diesem Ding werden wir ab jetzt leben, unser Gesicht verbergen – auf lange, wie lange, weiß niemand. Die Maske macht deutlich, dass wir in einem neuen Zeitalter leben.
Die meisten LeNa-Masken sind Marke Eigenbau, charmant und pfiffig. Improvisationstalent und Phantasie haben wir in den letzten Wochen reichlich bewiesen. „Behelfsmasken“ heißen sie im Jargon des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte oder etwas netter „Community-Masken“, in Abgrenzung zu den professionellen FFP-Masken. „Durch das Tragen können Geschwindigkeit des Atemstroms oder Speichel-/Schleim-Tröpfchenauswurfs reduziert werden, und die Masken können das Bewusstsein für „social distancing“ sowie gesundheitsbezogenen achtsamen Umgang mit sich und anderen unterstützen.“ Ob wir daran glauben oder nicht, wir tun es jetzt einfach. So wie die meisten Bürger. Am heutigen ersten Tag der Maskenpflicht wurde das Gebot offenbar weitgehend befolgt.
Heute erzählen drei Kinder und acht Erwachsene von ihren ersten praktischen Erfahrungen mit der Maske. Von ihren Gedanken und vielfältigen Assoziationen und wie sich Kommunikation verändert. Es geht um das Bemühen, dieses lästige fremde Ding positiv zu besetzen.
Schon jetzt wissen wir, es wird uns alle prägen, in den Kindheiten tiefe Spuren hinterlassen. Das Bild der vierjährigen Sophie mit Mundnasenschutz, im Arm ihre ebenfalls maskierte Puppe Emma, werde ich nie vergessen. Neben der Maske, die alle begleitet, wird jede(r) eigene, ganz persönliche Erlebnisse mitnehmen und erinnern. Für mich wird eines davon das Schnecken-Terrarium von Paulina (7) und Ella (6) sein, das ich seit Tagen mit Vergnügen beobachte. Sie hegen und pflegen die Tierchen, erneuern das Bettchen aus Gras und Löwenzahn. Heute haben sie einen „Schnecken-Stundenplan“ aufgestellt: zählen, wässern, füttern mit Gurken, Schnecken-Wettrennen…schlafen legen.
Um 19 Uhr, als wir uns zum Singen treffen, ist der schwarze Bottich mit den acht Schnecken zugedeckt. Heute wiederholen wir Broders Frühlingskanon aus Ungarn und versuchen uns an einem Beatles-Song „Blackbird singing in the dead of night.“
Ulla

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

Manfred

Ich weiß nicht genau, wann diese Faszination für Masken bei meinem Sohn begann. Es hing eng damit zusammen, sein Gesicht im Spiegel als sein eigenes zu erkennen. Und dann zu bemerken, wie dieses Gesicht sich ändern kann. Verdutztes Lachen – das bin ich? Ein Tuch vor den Mund hochbinden, unkenntlich werden. Damit spielen, dass mich andere nicht sofort erkennen können. Irritation. Lachen. Das macht wohl den Reiz einer guten Verkleidung aus. Neben Stoff taugt auch Schminke zum Maskieren. Es kitzelt beim Auftragen, und wenn es gut gelungen ist, dann bin ich wer anders. Oder zeige andere Seiten an mir, die sonst nicht gesehen werden. Masken sind Spiel mit dem (Un-)Sichtbaren.
Masken sind kein Spiel. Viele politische Aktivist*innen tragen sie, um ihr Gesicht zu verbergen, um Repressionen und Folter für sich und Ihre Liebsten abzuwenden – und dennoch sich mit der eigenen Meinung zeigen können: Sich verbergen, um sichtbar werden zu können.
Masken sind auch kein Spiel, wenn sie gegen Viren schützen sollen. Es sind Regeln zu beachten. Wie fasse ich die Maske an? Wie wasche ich sie? Im Alltag fehlt es an „Gesicht“ und damit auch einer Kontaktmöglichkeit. Ich sehe Dich nicht mehr wie gewohnt. Plötzlich werden die Augen bedeutsamer: Das Funkeln und deren Traurigkeit und alles, was dazwischenliegt.
Und noch etwas verändert sich: Plötzlich wird die Wahl des Stoffes oder des „Modells“ eine modische Frage. Einigermaßen schön soll es sein. Und da beginnt wieder das Spiel. Mit Farben, Formen, Materialien. Und die Freude, dass wir trotz aller Regeln und Bestimmungen eins nicht verlernen: zu spielen.

Claudia

„Geht doch!“ denke ich.
Und ist es interessant zu beobachten, wie schnell sich die eigene Haltung ändert, wenn viele mitmachen. Die ersten Masken in der Öffentlichkeit wurden sonderbar beäugt und noch vor einer Woche fühlte ich mich mit Maske im Laden albern. Die Maskenschau mit den Kindern und das Sichten der verschiedenen Modelle hingegen machen Spaß.
Dann mal los jetzt! Denn vieles hilft etwas!

Berta

Ich freue mich über all die kreativen, bunten Masken, die mir mittlerweile immer häufiger begegnen. Sie sind schick, jede auf ihre Art und Weise.
Mein Anfang mit der Maske, vor ca. drei Wochen, war nicht einfach.
Nachdem mir immer bewusster wurde, auf welchem Pulverfass wir sitzen, habe ich mich dafür entschieden, im näheren Kontakt mit Menschen, auch bei LeNa (außer bei meiner direkten, gewählten, Kontakt-Person, Susi) eine Maske zu tragen. Schnell hatte ich zwei Freundinnen gefunden, die mir je ein Modell genäht haben, und ab da ging es los, das Tragen der Maske in den Alltag zu integrieren.
Maske – ein Synonym für Infektiosität, Argwohn, Abstand, „Gezeichnet sein“ …. Nicht so einfach, sich damit selbstverständlich nach außen zu zeigen.
Ich selbst musste für mich auch erst einmal eine positive Bewertung dafür finden. Um selbstbewusst und verständnisvoll auf die Reaktionen wie „Fragezeichen“, Angst, aus dem Weg gehen, Belächeln, zu reagieren und diese Unsicherheiten meiner Mitmenschen nicht über zu bewerten. Daneben immer wieder offenes Interesse und Anerkennung über die schön gefertigten Masken.
Ja, das „äußere Wachstum“ der Welt wird vom „inneren Wachstum“ abgelöst, verwandelt sich – schön!
Gut war es, das durchzuhalten, und je mehr ich die Unsicherheit verliere, umso mehr bekomme ich positive Reaktionen, wie z. B. die Verkäufer*in oder Postbeamt*in um die Ecke, die den ganzen Tag vielen Menschen ausgesetzt sind. Auch ich im Krankenhaus freue mich über Patienten, die unaufgefordert mit Maske kommen.
Vielleicht hilft es, das Tragen der Maske als Respekt vor und füreinander zu sehen. In diesem Sinne möchte ich euch Alle – Groß und Klein – ermutigen, die Maske auch freiwillig im gegenseitigen Umgang miteinander zu tragen, und euch über die kreativen Modelle zu freuen!!

Willy

In unserem Bücherregal steht ein Buch mit dem Titel „Unter der Maske des Narren“. Es handelt davon, wie in der Kulturgeschichte die Narrenrolle dazu diente, Wahrheiten zu sagen und mit klugen, hintersinnigen Späßen die Welt durchschaubarer zu machen. Die Maske war ein Mittel, sich vor möglichen Angriffen zu schützen. Und sie diente der Unterhaltung, machte Spaß, steckte voller Fantasie und Kreativität – so zum Beispiel im Karneval oder beim Fasching.
Aber jetzt, in Corona-Zeiten, ist das Maskenspiel sehr ernst geworden. Es geht ums Überleben.
Ich habe schon Mitte März angefangen, Masken zu nähen, als „Aktionismus gegen die Hilflosigkeit“, wie viele hier meinten: „Das nützt doch nichts!“ Für mich war das „Maskenspiel“ eine Schutzmaßnahme, achtsam zu bleiben und nicht in Vor-Corona-Zeiten zu verfallen. Mit Handschuhen und der richtigen „Gesichtsbekleidung“ gerüstet, fühle ich mich besser: die weiße, kochfeste Maske für Arztbesuche, die bunte im Umgang mit Kindern, und eine dünne, lockere für warme Tage. Wer weiß, was der Sommer uns da noch alles abverlangt?
Ich bin froh, dass wir jetzt die Maskenpflicht hier haben, denn nur wenn Viele sich daran halten, bin auch ich vor Übertragung des Virus durch Tröpfchen beim Reden, Niesen und Husten geschützt. Leider stelle ich bei mir selber fest, dass ich gern die Maske abnehme, wenn ich länger im Gespräch mit jemandem hier bei LeNa bin und wir uns in gebührendem Abstand befinden. Ein Leichtsinnsfehler…
Wie viel Spiel, wie viel Ernst die Zukunft auch bringt – das Virus bleibt eine heimtückische Gefahr.


Polly hat drei Kinder befragt:

Paulina (7 Jahre)


Ich finde das eher so mittel. Also nicht gut oder nicht schlecht. Aber es stört gar nicht so doll. Meine Mama hat eine für mich gekauft, und sie hat auch so eine.“


Lina (9 Jahre):


Es ist komisch, dass man darunter gar nicht sieht, ob wir lachen oder anders gucken. Meine riecht muffig, die müssen wir erst waschen. Der Stoff war nämlich lange im Keller.


Matti (7 Jahre)


Nervig. Ich habe eine hellblaue und eine dunkelblaue Maske. Das war der Stoff, den meine Mama noch hatte. Da ist in der Mitte so eine Naht, und sie hat zwei Mal zwei gleiche Teile ausgeschnitten und die dann so zusammengenäht, dass außen das Schöne ist. In der Schule müssen wir sie nicht tragen. Es kommt immer nur die Hälfte der Klasse. Aber in der Pause müssen wir draußen Abstand halten und alle Lehrer passen auf. Die müssen immer alle da sein. Und dann müssen wir auch eine Maske tragen. Ich habe einen Trick: Wenn ich die Maske getragen habe und mir ganz heiß ist, wasche ich mein Gesicht mit kaltem Wasser. Ich weiß nicht, ob das immer wirkt, aber das habe ich mir so überlegt.“

Barbara

Auf dem Fahrrad trage ich die Maske nicht, aber ich habe sie dabei für den Fall, wenn ich Menschen begegne oder in ein Geschäft möchte. Gestern im Fahrradladen hab ich sie aufgesetzt. Es wurden immer nur zwei Leute reingelassen. Ein Schild wies freundlich darauf hin: Wir tragen Maske, um Sie zu schützen. Bitte, tragen Sie auch eine, um uns zu schützen.
Auch auf dem Markt waren schon deutlich mehr Masken zu sehen. Allerdings haben manche noch nicht das Gefühl für den neu gebotenen Abstand.
„Vermummungsgebot“ hat die taz getitelt, politisch-ironisch, so könnte man es ausdrücken. Aber es gibt durchaus andere Assoziationen, zum Beispiel erinnere ich mich an eine nordfriesische Frauentracht, die ich mal im Tourismusmagazin der Insel Amrum gesehen habe, dazu gehörte ein textiler Mundnasenschutz – vermutlich gegen den Sand, ähnlich wie bei Wüstenbewohnern.

Jule

So eine Maske ist ziemlich gewöhnungsbedürftig. „Da kann ich ja gleich meine Burka wieder auspacken“, hat eine Freundin gewitzelt. Das Gesicht zu verhüllen, ist in unserer Kultur nicht üblich.
Ich erinnere mich an Reisen, z.B. nach Indonesien, dort schützen Menschen Mund und Nase mit Tüchern gegen Staub und Abgase. Das ist dort ganz normal und bestimmt praktisch.
Für Lina und Lotta sind Masken gerade purer Spaß. Ich nähe selber welche, und sie helfen dabei. Für sie ist das ein Spiel.

Grete

Meinen ersten Stadtgang mit Maske habe ich hinter mir. Samstag Einkauf auf dem Markt und in der Drogerie. Absteigen vom Fahrrad. Maske aufsetzen. Das gibt Knickohren. Mit der Eitelkeit unvereinbar. Ich frage mich, welchen Stellenwert eigentlich Eitelkeit hat und ob bzw. wann sie je verschwindet. Ohrgummis etwas länger knoten und die Ohren verschwinden ordnungsgemäß unter den Haaren. Auch Brille, Maske und Atemluft lassen sich schließlich so abstimmen, dass sehen und atmen gleichzeitig möglich sind. Auf geht´s ins Gewühl.
Nach ein paar Minuten ist das merkwürdige Gefühl der Unsicherheit verschwunden, ein anderes Gefühl von Verbundenheit mit all den anderen Maskierten entsteht. Wir passen auf einander auf. Heute noch freiwillig, ab Montag verpflichtend. Damit verschwinden auch die Überlegungen, warum andere mutiger, sorgloser, gedankenlos oder gar rücksichtsloser sind.
Corona wird durch die Maske allgegenwärtig. Keine Chance mehr, das Virus mal ein paar Minuten zu vergessen. Das hat Vorteile – man hält Abstand. Das hat Nachteile – kein Gefühl von Normalität, keine Sekunde. Da freut mich die Kreativität der Menschen, die lustigen Masken, die schönen Stoffe. Wie viele eingestaubte Nähmaschinen wohl gerattert haben? Ein Mann mit Leinenbeutel über dem ganzen Kopf kommt mir entgegen. Kreisrunde Augenlöcher ausgeschnitten. Finde ich nicht lustig, sieht aus wie ein Vertreter des Ku Klux Klan, zumal er in Mundhöhe „Merkels Maske“ geschrieben hat. Eher lustig ist die Geschichte einer Mitbewohnerin. Sie begegnete einem älteren Mann mit Rollator, der einen gehäkelten Mundschutz trug. Schöne gleichmäßige Häkelstäbchen. Ungefilterte Luftzirkulation garantiert!
Ja, das kulturfremde Maskentragen will geübt sein. Ob es wohl die jetzige Zeit überleben wird?

Reinhold

Ich hab meine Maske jetzt immer dabei. Und müsste sie öfter aufsetzen, genau wie meine Brille, die ich eigentlich ständig tragen sollte. Gestern haben wir auf dem Grundstück den Zaun für den Hühnerauslauf gebaut, da kann man kaum Abstand halten, also wäre die Maske angesagt gewesen.
Andererseits habe ich große Angst, sie nicht zu tragen. Neulich kam ich mit dem ICE von München zurück, kurz vor dem shut down, damals wussten wir noch nicht so viel über das Virus. Ich hab mich mit dem Koffer verbarrikadiert, damit mir keiner zu nahe kommt. Ein Albtraum, diese lange Reise.

 

 

 

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