„Solidarisch ist man nicht alleine“ lautet das diesjährige Motto der Gewerkschaften zum 1. Mai. Für viele von uns war der Tag anders als in den letzten Jahren, und nicht unbedingt einfacher. Die Demos fielen aus oder fanden in kleinerem und anderem Rahmen statt. Lange geplante Besuche bei Familien oder von Freunden übers verlängerte Wochenende konnten nicht stattfinden – genauso wenig wie spontane Ausflüge. Auch „Anschwimmen“ ist vertagt. Die Schwimmbäder bleiben erst einmal zu.
Ich war sehr früh mit dem Rad unterwegs und wunderte mich über die Ruhe und Sauberkeit auf den Straßen. Obwohl ich seit fast 13 Jahren im Norden lebe, fällt mir erst jetzt auf, dass es hier überhaupt keine „Hexennacht“ gibt. „Gilt das Kontaktverbot wohl auch für Hexen?“ frage ich mich. Vermutlich nicht, bestimmt kennen sie ein Mittel gegen das Virus. Aber doch, es gilt: In Kaiserslautern hat sogar die Polizei darauf hingewiesen, lese ich gerade. In der „Hexennacht“, wie ich sie aus Rheinland-Pfalz kenne, spielen Dorfjugendlichen ihren Nachbar/innen in der Nacht des 30. April mehr oder weniger derbe Streiche – die im Übrigen fast immer Straßensperren aus Klopapier beinhalteten (vermutlich in diesem Jahr nicht, da dieses ja zur Luxusware geworden ist).
„Guckt mal, unsere soziale Praxis hat jetzt auch wissenschaftliche Weihen“, schreibt Frauke, als sie einen Artikel aus der SZ mit uns teilt, in dem das Modell der „sorgenden Gemeinschaft“ propagiert wird, das insbesondere Familien entlasten soll. Da sind wir wieder bei der Solidarität. Wir hier haben unsere Wohnform unter Anderem deswegen gewählt, weil wir gerne in einer solidarischen Gemeinschaft leben möchten. Und in der derzeitigen Situation zeigen sich für viele die Vorteile, nicht nur im Hinblick auf gemeinsame Betreuung von Kindern. Nach wie vor funktionieren unsere Einkaufsdienste, erleben wir die täglichen mehr oder weniger zufälligen Begegnungen auf den Laubengängen oder im Garten als willkommene Abwechslung im Corona-Einerlei. Zum Abschluss des Tages leitet Aljoscha heute die Singrunde im Wall. Ich bin nicht dabei, bei uns ist Abendessenszeit. Aber durch die geöffnete Balkontür höre ich die Musik und freue mich, auch aus der Ferne ein wenig von unserer Gemeinschaft mitzubekommen.
Heute teilen Britta und Fritz Erinnerungen sowie aktuelle Gedanken zum „Tag der Arbeit“, sicher werden viele von uns sich darin wiedererkennen. Manfred beschreibt, wie es ihm gerade damit geht, dass Demos und Proteste nicht in gewohntem Umfang im öffentlichen Raum stattfinden können.
Polly
P.S. (Anni schickte ein Foto von der Aktion der „leeren Stühle“ auf dem Lüneburger Marktplatz, mit der die Gastwirte auf ihre schwierige Lage aufmerksam machten.)

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Britta und Fritz

Bei uns in der Schublade liegen ganz viele Nelken-Buttons „1. Mai DGB“, seit Jahrzehnten mitgebracht von den 1. Mai-Demonstrationen, in den 70er Jahren mit den Kindern im Kinderwagen bis heute. Dieser „Tag der Arbeit“ war uns immer wichtig. In diesem Jahr 2020 wird es keine Demonstration und keine Kundgebung geben. „Solidarisch ist man nicht allein“ lautet die Parole und Solidarität heißt nun: mit Anstand Abstand halten.
Der 1. Mai ist für uns auch ein Tag, an dem wir uns fragen, wie wird die Zukunft aussehen, besonders in dieser Krisenzeit. Die Solidarität auf unserer kleinen LeNa-Insel funktioniert gut, das beruhigt uns sehr. Doch welche neuen Erfahrungen werden wir machen müssen? Haben wir  ausreichend Phantasien für die Zeit „danach“, wie können gesellschaftliche Veränderungen, sozial, kulturell, nachhaltig vor sich gehen? Ist ein solidarisches Miteinander auf unserem Planeten möglich?  Der zunehmende Nationalismus bereitet uns Sorgen, Länder schließen Grenzen. Nach Polen und Ungarn mögen wir gar nicht schauen. Sorge bereiten uns auch die „Fürsorge“ des Staates für z.B. Adidas und wenig Vorstellungen für Familien mit Kindern, wie sie z.B. Arbeit, Schule und Kita zusammenbringen können.
Wir wissen nicht, was morgen ist. Was wir tun können, ist die Verantwortung für unser eigenes Handeln zu übernehmen.
Und den 1. Mai 2020 beschließen wir mit „Brüder zur Sonne zur Freiheit …“.

Manfred

Am 1.Mai gehen wir normalerweise auf die Straße: Mindestens zur familienfreundlichen DGB-Demo mit anschließendem Fest auf dem Lambertiplatz. Hier trifft man alte und neuere Bekannte. Hüpfburg, Musik, Pommes und Kuchen machen es (nicht nur) für die Kinder interessant. Warum es immer auch Bier und Kurze geben muss, war mir immer schon ein Rätsel. Die Falken haben einen Stand und einige andere Gruppen aus Lüneburg auch.
Dieses Jahr fällt die 1. Mai-Demo des DGB aus. Stattdessen gibt es den Aufruf um 10 Uhr von zu Hause aus Lärm zu machen, für besseren Lohn und vernünftige Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen. Dann ab 11 Uhr gibt es einen zentral organisierten Livestream mit viel Prominenz.
Deutlich wird: Bis auf das Töpfe schlagen, bleiben alle isoliert in ihren eigenen Wohnungen vorm Bildschirm. Protest aber lebt vom Austausch und Kommunikation, vom Zusammenkommen. Und wenn man etwas verändern will, dann muss man doch nicht bloß digital sichtbar werden, sondern im richtigen Leben. Protest muss irritieren und will doch genau die erreichen, die sich nicht am 1. Mai den Livestream des DGB anschauen.
Gut, dass es mittlerweile viel Kreativität gibt. Mit den Kontaktverboten ging einher, dass vielerorts auch Demonstrationen grundsätzlich verboten wurden. In Lüneburg setzen Aktivist*innen am 4.4.2020 erstmals wieder eine Kundgebung durch. Diese wurde zunächst durch Ordnungsamt und Landkreis verboten, dann aber neu angemeldet mit umfangreichen Regelungen. Diese Versammlung konnte anschließend stattfinden.
Zwischenzeitlich wurde auch in anderen Städten das Versammlungsrecht durchgesetzt – teilweise musste dazu das Bundesverfassungsgericht angerufen werden, dass den Kläger*innen recht gab. Es gibt keinen Grund, Versammlungen grundsätzlich zu verbieten. Es ist möglich, infektionsschutzgemäße Auflagen zu erlassen.
So nun auch am 1. Mai: Es wird eine Demo auf dem Lamberti-Platz geben. 100 Leute sind zugelassen, Abstandsregeln müssen eingehalten werden. Was neu ist in Corona-Zeiten ist der Umgang mit Vermummung. Diese ist nun ausdrücklich vorgeschrieben. Zum G20 -Gipfel wurde ein ganzer Demonstrationszug von der Polizei noch massiv mit Knüppeln und Wasserwerfern angegriffen – nicht, weil Gewalt von ihm ausging, sondern wegen Vermummung. So schnell ändern sich die Zeiten.
Anschließend soll es ab 14 Uhr noch dezentrale Kundgebungen an Kreuzungen des Stadtrings geben. Es bilden sich Bezugsgruppen, so dass jede Kreuzung bedient wird und alle von den einzuhaltenden Regeln wissen. Alles wird recht spontan über Messenger organisiert. Corona macht also kreativ und erfinderisch. Viele freuen sich drauf, endlich wieder politisch sichtbar werden zu können. Denn die Regelungen rund um Corona schränken nicht nur unser Berufs- und Privatleben ein. Sie machen auch öffentliche politische Debatte und Proteste schwer. Eine demokratische Gesellschaft braucht mehr als nur den digitalen Austausch und Protest.
Und sonst? Vor allem die jüngeren Aktivist*innen konnten schnell auf „digital“ umschalten: Treffen finden als Videokonferenzen statt, Kommunikation per Email und vor allem über Messengerdienste. Vorträge und Veranstaltungen werden ebenfalls per Videokonferenz organisiert. Aber sich wirklich zu treffen, sich in den Arm nehmen, sich direkt in die Augen schauen, die Distanz zueinander überwinden und gemeinsam aktiv werden – das fehlt so sehr.
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