Ein sonniger Frühlingstag. Es tut so gut, die Wärme auf der Haut zu spüren, sich berühren zu lassen – ganz unzeitgemäß, aber in diesem Fall gestattet. Viele von uns zieht es nach draußen in den Garten.
In vielen Gesten, Körperhaltungen, Stimmen, bei Erwachsenen wie Kindern, wird ein großes Bedürfnis nach Begegnung erkennbar. Jetzt nur nicht übermütig werden! Nina, unsere Ärztin, greift das in der Luft liegende Thema auf und schlägt ein erneutes Rumsteh-Plenum morgen am Sonntag vor. Wie geht es uns mit Distanz (und dem Bedürfnis nach Nähe), wie ist die Stimmung in Bezug auf Gesichtsmasken? Immerhin: auch morgen soll es warm werden; Sonnenschutz nicht vergessen!
Maries Motivationsspruch für den heutigen Tag lautet „Erfolg kommt dann, wenn du tust, was du liebst.“ Beim abendlichen Singen gratulieren wir Clara zum Geburtstag. Sie wünschte sich „Heute hier, morgen dort…. Und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war!“
In unseren heutigen „Stimmen“ schildern zwei Lehrer-Kolleg_innen, wie sie jeweils ihre Arbeit und den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern in den vergangenen Wochen erlebt haben.
Frauke

 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

Volkmar

Die Schule und die Schüler*innen fehlen mir, denn Lehren in Zeiten von Corona ist anders, gesichtslos.
Die Schüler*innen bekommen Aufgaben über eine Lernplattform und dadurch fehlt die Möglichkeit der direkten Rückmeldung, die eben oft nicht verbal, sondern non-verbal ist.
Können die Schüler*innen mit den Aufgaben etwas anfangen?
Normalerweise zeigen mir ein paar ratlose Gesichter, wenn dem nicht so ist.
Hier zu Hause vor dem Rechner sehe ich diese Gesichter nicht!
Die Gesichtslosigkeit geht über den bloßen Unterricht hinaus, wirkt aber eben auch auf diesen zurück.
Das fröhliche oder traurige Gesicht, das kurze Gespräch darüber und das Eingehen auf individuelle Befindlichkeiten gibt es so nicht.
Schule und Unterricht sind vor allem der direkte Kontakt und die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden.
Und die fehlen mir zurzeit!

 

Katharina

Ich bin Lehrerin an einer Lüneburger Grundschule und darf zurzeit nicht unterrichten.
Als Klassenlehrerin einer dritten Klasse hoffe ich sehr, dass es meinen Schülerinnen und Schülern gut geht mit ihren Familien. Als es am Freitag, den 13.3.2020 gegen 11 Uhr feststand, dass die Schulen ab Montag geschlossen werden, um dem Corona-Virus Einhalt zu gebieten, hallte nicht nur Jubel durch den Klassenraum. Es flossen auch Tränen. Ich wurde umarmt und gedrückt (da dachte man noch nicht an den erforderlichen Abstand). Die Kinder packten ihre Hefte ein. Wir nahmen Abschied, wünschten uns alles Gute und hofften auf ein baldiges Wiedersehen.
Schnell wurde auch klar, dass die Klassenfahrt, die eigentlich am 20. April losgehen sollte, abgesagt werden muss. Zusätzliche Trauer!
Ja, die Schule – oft beschimpft und verhasst, so lange sie wie selbstverständlich da ist, fehlt vielen Kindern nun – sogar sehr! Nicht unbedingt als Ort des Lernens, denn das geschieht unweigerlich überall, wenn vielleicht auch nicht lehrplankonform (aber dafür lebenskonform!). Die Schule fehlt den Kindern als sozialer Ort, als sozialer Halt.
Wir Lehrer sind viel mehr als nur Lehrende. Wir sind, wenn alles gut läuft, Vertrauenspersonen, ein wichtiger Anker. Ich empfinde mich als ein solcher und bin im Kontakt mit meinen Schülern, soweit dies möglich ist. Ich habe mit einigen telefoniert. Und diese besonderen Zeiten haben mich sogar dazu gebracht, meine Privatanschrift herauszugeben.
Das scheuen die Lehrer ja im Allgemeinen, oft aus gutem Grund. Schließlich ist man ja auch noch Privatperson. Diese Zeiten lassen vieles verschwimmen und nun freue ich mich täglich über Briefe meiner Schüler. Schließlich hatten wir die Textform „Brief“ noch nicht im Unterricht durchgenommen – nun passt sie! Natürlich schreibe ich zurück, habe schon einige Karten in den Briefkasten gesteckt. Ein Mädchen, mein Sorgenkind, schreibt mir oft über das Handy der Mutter. Technik sei Dank ist heute viel möglich.
Doch viel erwarte ich nicht von meinen Schülern. Die Aufgaben, die das Leben ihnen gerade stellt, sind schon enorm. Wenn sie diese Aufgaben gut bewältigen, bin ich froh. Alles darüber hinaus (ein Buch lesen, im Rechtschreibheft arbeiten, ein Tagebuch führen) wünsche ich mir für meine Schüler, erwarte es aber nicht. Zu unterschiedlich sind die Umstände in den Familien.
Einmal war ich zur Notbetreuung in der Schule, habe mit einem Jungen zwei Stunden gespielt. Im Elfmeter hat er gewonnen und war stolz, dass er mir etwas beibringen konnte. Alle anderen Kinder sind privat versorgt. Wir Lehrer stehen parat, nun auch in den Ferien und an den Wochenenden, doch es ist kein Betreuungsbedarf da zurzeit.
Täglich sind wir angehalten, uns über unseren Schulserver auf den neuesten Stand zu bringen. Auch für das Kultusministerium ist alles neu. Gestern kam die Nachricht, dass wir bis zum 15. April die Zwischennoten, Bemerkungen und Berichte zum Sozial- und Arbeitsverhalten in der Schule hinterlegt haben sollen. Ein merkwürdiges Gefühl, auf einer so dünnen Basis dieses Halbjahres eine Bewertung vornehmen zu müssen. Es widerstrebt mir, doch das ist nichts Neues.
Nun kann ich Unterrichtseinheiten vorbereiten und darauf hoffen, dass ich „meine“ Kinder bald wieder gesund und munter in die Arme schließen darf, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

 

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