Heute haben mich unabhängig voneinander vier Aufrufe zu Solidarität mit von der gegenwärtigen Ausnahmesituation besonders betroffenen Menschen erreicht. Für Menschen ohne Obdach oder unbehaust auf der Flucht muss die #zuhausebleiben-Aufforderung zynisch klingen. Das fanden auch die Bewohner_innen eines Hauses „Auf dem Meere“, im Lüneburger St. Michaelis-Viertel (siehe Foto unten Mitte).
An mir selbst konnte ich beobachten, dass der Radius der Aufmerksamkeit und Sorge in den ersten Tagen der Krise im Vergleich mit meinem sonstigen Alltag kleiner wurde: Familie, Freund_innen, dazu noch meine Schüler_innen – um diese Themen und Personen drehten sich in erster Linie meine Gedanken. Im Lauf der Wochen änderte sich das. Die Tatsache der sich häufenden entsprechenden Aufrufe deute ich mal hoffnungsvoll als Zeichen, dass es anderen ähnlich geht und gebe sie hier einfach wieder.
Dem Thema „Sorge/sorgen“ wollen wir uns in den nächsten Tagen einmal eingehender widmen.
Unsere „Stimmen“ geben heute Einblicke in das Geschehen in den Wohnungen einiger LeNas wieder. Manchmal eine enge, manchmal die weite Welt – auf jeden Fall aber ein Zuhause.
Frauke

Solidaritätsaufrufe, die mich beeindruckt haben

In einem bewegenden Brief ruft heute Esther Bejarano den Hamburger Bürgermeister dazu auf, die Hotels für Menschen ohne Obdach zu öffnen („#OpenTheHotels“) und dazu beizutragen, die beschämenden, unmenschlichen Zustände in den Lagern für Geflüchtete an den EU-Außengrenzen zu beenden („#LeaveNoOneBehind“). (https://www.auschwitz-komitee.de/lasst-niemanden-zurueck-nicht-gleichgueltig-zuschauen/) Besonders schwer betroffen sind Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus, da sie in Hamburg keinen Zugang zu Obdachlosenunterkünften haben, heißt es zu einem weiteren Spendenaufruf für den „Lampedusa in Hamburg Solidarity Fund“  medico international fordert „Solidarität in Zeiten der Pandemie“ und stellt eine beeindruckende Fülle an Materialien bereit, einschließlich Links zu Kommentaren und Podcasts zu internationaler Kooperation. Die Seebrücke, Fridays4Future und viele weitere Organisationen schließlich haben für Sonntag einen bundesweiten Aktionstag zu #LeaveNoOneBehind (https://seebruecke.org/leavenoonebehind/aktionen/wir-hinterlassen-spuren/) initiiert. „Wir halten zusammen“, schreiben die Organisator_innen und laden dazu ein, „Spuren zu hinterlassen“ und Zeichen an öffentlichen Orten zu setzen: „Wir spazieren einzeln im Minutentakt an diesen Orten vorbei und hinterlassen dabei farbige Fußabdrücke oder leere Schuhe.“

 

 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

 

 

Claudia

Habe heute meinen letzten Arbeitstag bis Ostern. Dann eine Woche zum Lernen und am 9.4. findet hoffentlich meine letzte Prüfung trotz Corona statt.
Ihr dürft mir gerne die Daumen drücken – auch dass ich bis dahin gesund bleibe. Mit Erkältungszeichen oder Kontakt zu positiv Getesteten werden wir nicht zugelassen. Die Klinik hat uns Prüflinge deshalb schon seit einer Woche von jeglichem direkten Menschenkontakt „suspendiert“. Das finde ich sehr rücksichtsvoll. Ich telefoniere jeden Tag mit den Patienten zuhause. Trotzdem sind es sehr stille Arbeitstage.
Per Mail werden alle Mitarbeiter der PKL übrigens jeden Tag über die Situation im städtischen Klinikum informiert, um Gerüchten und Verunsicherung vorzubeugen. Obwohl alle ungeübt sind mit dieser Situation umzugehen, bin ich auch beeindruckt, wie umsichtig viele nun agieren.

 

Polly

Unser Tag zu Viert
Viel ist dieser Tage zu lesen über „So machen Sie das Beste aus der Krise“, „29 Tipps für das entspannte Arbeiten im Home Office mit Kindern“… usw. Bringt das eigentlich irgendwem etwas, frage ich mich oft nach Lektüre solcher Beiträge – und habe das Lesen mittlerweile eingestellt. Tipps hin, Vorschläge her, jede Familie muss ja doch ihren eigenen Weg durch das Kuddelmuddel finden. Einfach ist das nicht. Ich gebe einmal einen kleinen Einblick in unseren Alltag. Ganz bewusst ohne Tipps.
Seit über zwei Wochen leben wir, Polly und Arthur, unsere Kita-Kinder Thommy (6 Jahre) und Ada (2,5 Jahre) nun rund um die Uhr zu Hause. Arthur und ich versuchen zu arbeiten, was uns mehr oder weniger gut gelingt. Schon vorher haben wir jeweils an 1-2 Tagen pro Woche zu Hause gearbeitet, allerdings ohne, dass die anderen dann anwesend waren. Nun ist es ein ständiger Aushandlungsprozess. Nicht nur darüber, wer wann arbeiten kann: Da Arthurs Arbeit es verlangt, dass er meist bis in den Nachmittag hinein telefonisch erreichbar sein muss, sind meine Zeitfenster sehr begrenzt. Auch mit den Kindern wird verhandelt, und zwar meist über Mamas Zeit. Wenn ich am Schreibtisch sitze, kommt früher oder später ein Kind und muss mir dringend etwas erzählen. Anders bei Arthur: „Papa arbeitet“ wird fast immer ohne Murren akzeptiert. Wir haben nun einen strikten Plan aufgestellt, wer wann arbeitet und ich weiche öfter auf unseren Gemeinschaftsraum aus.
Uns ist bewusst, wie privilegiert sind: Wir haben keine Existenzsorgen und erleben es als großen Gewinn, Teil einer engen Nachbarschaft wie LeNa zu sein. Und doch sind wir dieser Tage oft frustriert, gestresst oder einfach erschöpft, weil so Vieles zu kurz kommt. Weil wir nicht wissen, wie es nach Ostern weitergehen wird, oder wann ich meine Familie, die 500 km entfernt wohnt, wiedersehen werde.
Anders als Familien mit Schulkindern haben wir keine feste Tagesstruktur etabliert. Meist arbeitet Arthur am Vormittag. Ich versuche, erst einmal Nachrichten zu lesen, während die Kinder sich selbst beschäftigen. Das klappt manchmal, oft aber muss ich Streit schlichten, trösten, nach verlorengegangenen Schätzen suchen. Im Lauf des Vormittags versuche ich, ein paar Mails zu beantworten oder ein paar Dinge im Haushalt zu erledigen. Die Kinder gehen auch gerne nach draußen; Ada manchmal sogar alleine, im Schlepptau des großen Bruders. Auch nachmittags sind wir gerne draußen, oft ergibt sich weiterhin die übliche „Sandkistenrunde“ – nun mit 2m Abstand zwischen den Beteiligten, unterbrochen von den Kindern, die sich gegenseitig zunehmend an unsere „ABSTAND!“sregeln erinnern.
Zum Arbeiten komme ich oft erst am späten Nachmittag, unterbrochen durch unser Abendprogramm (Essen, Vorlesen, Kinder ins Bett bringen). Ich versuche auch danach noch zu arbeiten, bin aber häufig zu müde. Ich könnte mich natürlich auch aus dem Abendprogramm zurückziehen, aber mir ist es wichtig, dass wir alle gemeinsam den Tag beenden, da die Krise die Kinder natürlich auch mitnimmt. Wir spüren, wie viel anhänglicher Ada zurzeit ist, wie viel mehr Thommy uns provoziert, wie traurig es die Kinder (und auch uns) macht, dass sie ihre Großeltern, Tanten, Onkel, Kusine und Cousin nun lange nicht mehr sehen können. Wir streiten auch mehr als vorher, Ausdruck der Anspannung, der Erschöpfung und des sich-nicht-aus-dem-Weg-gehen Könnens. Das ist nicht schön, und auch daher versuchen wir, den Abend möglichst „normal“ ausklingen zu lassen.
Nach 20:00 Uhr, wenn die Kinder schlafen, erledigen wir dann Liegengebliebenes, trinken mal ein Glas Wein, schauen eine Serie, schreiben oder lesen und sprechen, wenn wir es aushalten, über unsere Sorgen angesichts der aktuellen Lage. Manchmal ist Verdrängen die bessere Option.
Die Situation bringt aber auch Gutes mit sich: Der frühe Morgen ist oft entspannter. Wir müssen uns nicht beeilen, pünktlich in der Kita zu sein. Wir essen alle Mahlzeiten gemeinsam. Bruder und Schwester spielen viel mehr zusammen. Wir erleben mehr alberne Momente zwischendurch. Wir kuscheln mehr mit den Kindern. Und wenn die Spannung doch mal zu groß wird, drehen wir die Musik laut auf, die Kinder tanzen gerade gerne zu „99 Luftballons“. Einmal wild durch die Wohnung tanzen und kurz mal alles vergessen, das hilft. Und Arthur ist froh, nicht ständig drei Stunden am Tag im öffentlichen Nahverkehr unterwegs zu sein. Irgendwas ist immer gut.
Diesen Beitrag hatte ich schon vor einer Woche im Kopf, aber – auch das Ausdruck meiner derzeitigen Situation – kam einfach nie dazu, ihn fertigzuschreiben, da ich meist erst nach 21:00 Uhr zu solchen schönen Dingen komme. Dann bin ich aber müde, oder Ada wacht auf, während ich schreibe, gerade gibt es diese sehr gute neue Serie auf Netflix, oder ich habe das Bedürfnis, einmal einen Abend ohne Rechner zu verbringen. Aber das war’s nun, mit unserem Tag zu viert.

 

Katharina

Tom spielt gerade mit Freunden in seinem Zimmer.
– Waaas? – Das darf doch nicht sein!!!
Doch. Denn er tut es virtuell. Dank der App „Discord“ kann Tom mit seinen Freunden Multiplayerspiele online spielen und sich dabei mit ihnen unterhalten. Zu dritt. Zu viert. Der kleine Bruder Simon mischt auch schon ordentlich mit. Naja, dabei handelt es sich weniger um eine Unterhaltung als um ein Schreien, ein Anfeuern, Meckern, Lachen. Besondere Zeiten bedürfen besonderer Maßnahmen. Und ich bin froh, dass es diese Möglichkeit für Tom gibt. Er vermisst seine Schulfreunde, seinen Schulweg, die Schulstrukturen. Bestimmt mehr die Pausen als den Unterricht. Das Lernen zuhause fällt ihm schwer. Er hat wenig Lust. Nur allzu verständlich. Gelernt wird in dem Alter oft noch für die Lehrer. Hier bricht der Bezug gerade weg und darüber kann auch die modernste Technologie nicht hinwegtäuschen. Von daher habe ich hier viel Empathie für meinen Sohn. Und ich vertraue darauf, dass diese Zeit keine großen Wissenslücken in ihm hinterlassen. Ganz im Gegenteil!

 

 

 

Scroll Up