Rumms, bumms, ein altbekannter Lärm unterbricht die Stille. Sperrmüll. Ein Lob an die Stadt Lüneburg, andernorts sind die Sonderdienste eingestellt.
Aus der Normandie meldete sich ein alter Mann zu Wort: „Denkt daran, dass der Frühling nicht gestrichen werden kann.“ Eine Botschaft von David Hockney, dem britischen Maler, dazu zeichnete er einen fettgelben Osterglockenstrauß. Sechs Tage ist der Frühling 2020 alt, Sonne pur, und kaum eine Wolke. Mir kommt diese Woche unendlich lang vor. Und wenn es wahr sein sollte, dass wir, wie es heißt, „im Corona-Marathon“ erst bei Kilometer 2 von 42 sind, mag ich mir das nicht vorstellen.
Mittags weht der Duft von gebratenem Fleisch durch die geöffnete Balkontür. „Bei uns gibt‘s Rouladen“, ruft uns unser neunjähriger Nachbar zu, der alles über Indianer weiß. Wochentags ausgiebig kochen, dafür haben viele jetzt Zeit.
Wir gehen in den nahen Schrebergärten spazieren. Auf fast allen Parzellen ist Betrieb, junge Leute, Familien, innerhalb des Zauns haben die Kinder Auslauf. Hier wird ein Hochbeet gebaut, dort der Rasen vertikutiert. Freiheit im Kleinen, die im Großen fehlt.
Jules Corona-Infektion nimmt einen leichten Verlauf, heißt es, der Rest der Familie ist ohne Symptome. Anscheinend ertragen alle Vier die Quarantäne ziemlich geduldig. Abends erscheinen sie in der Terrassentür und singen mit.
Heute ist unser Corona-Tagebuch online gegangen. Jippiiih!!!!
Ulla

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Jule

(aus der Quarantäne, Zusammenfassung eines Telefongesprächs)
Eine Woche dauert die Quarantäne der Familie. Die von Jule schon vierzehn Tage, nach der Rückkehr vom Yogaretreat in Tirol, einem „Risikogebiet“, ist sie vorsichtshalber Zuhause geblieben. Schon in diesen Tagen hat sie sich ausgegrenzt gefühlt, sagt sie, kleine Bemerkungen aus der Community registriert, die vielleicht nicht verletzen wollten, aber es doch taten. Erste Symptome traten auf, Räusperhusten, Rückenschmerzen, dann starke Gliederschmerzen, schließlich der Test: sie war positiv. Weil die Familie in der Isolation viel Unterstützung erfuhr, hat sich das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, bald umgekehrt.
Sie versteht die Ängste vor Ansteckung gut. Ihr ist klar geworden, dass LeNa wegen des engen und freundschaftlichen Zusammenlebens besonders verwundbar ist. Und plädiert für Transparenz, dass alle Verdachtsmomente frühzeitig kommuniziert werden, um die anderen zu schützen. Daher hat sie sich auch sehr über eine Mail über den LeNa-Verteiler gefreut, da es ihr gezeigt hat, dass es auch andere so sehen und nicht nur sie selbst aus ihrer Betroffenheit heraus.
Ihr Eingeschlossensein empfindet sie nicht als besonders hart. Einerseits weil die Wohnung im Parterre liegt, wo ständig Nachbarn vorbeilaufen und grüßen und man das Geschehen im Garten beobachten kann. „Unsere Concierge-wohnung“, wie sie schon früher scherzhaft sagte.
Andererseits hat das Leben drinnen auch seine guten Seiten, sie bekommt mehr von den Kindern mit. Heiko hat im Home-Office viel zu tun. Solange sie krank geschrieben ist, macht Jule Schule mit Lina und Lotta. Um 10 Uhr beginnt der Unterricht, er geht bis 13 Uhr: Mathe, Deutsch, Sachunterricht, Sport. Leider hat Lina, die Drittklässlerin, von ihrer Lehrerin keine Aufgaben bekommen. Lotta kommt erst im August in die Schule und ist ganz heiß drauf. „Mama, du bist unsere Lehrerin!“ Inzwischen kann sie alle Buchstaben, schreibt Zahlen. Im Internet findet Jule Arbeitsblätter und Materialien, z.B. bei https://www.grundschulkoenig.de/. Sie setzt ihre eigenen Akzente. Gerade haben die Drei ein Vogelbuch am Wickel, sie beobachten durchs Fenster die Vögel, schlagen nach, was es darüber zu wissen gibt. Für die Lina ist das o.k., sie ist ein verständiges Mädchen, das läuft eben jetzt so. Für Lotta ist die Hausschule ein Geschenk. Das Corona-Geschehen besprechen die Eltern nur in kleine Ausschnitten, wenn die Kinder konkret fragen oder etwas aufgeschnappt haben und nachfragen. Anfangs haben alle gemeinsam die kleinen Beiträge dazu bei „Löwenzahn“ und „Die Sendung mit der Maus“ gesehen, besonders als Jule zum testen gegangen ist und die Fragezeichen doch recht groß waren.
Gegen 13:30 ist Mittagessen, danach Hopsen, Rumdödeln, „Mensch ärgere dich nicht“ (schönes Motto!), Bücher… Jule und Heiko machen fast jeden Tag anderthalb Stunden Yoga, das hilft gerade sehr. Schwierig sind die Abende, ab 20:00, wenn die Kinder im Bett sind, die Erwachsenen gern Freunde sehen würden, reden, noch mal an die Luft gehen.
Jule liest gerade „Wie man wird, was man ist“ von Irvin D. Yalom. Und sie denkt darüber nach, was wäre, wenn die gesellschaftliche Zwangspause noch länger andauern würde. Gewohnheiten ändern sich nicht so schnell, sie hat mal gelesen, dass der Mensch 61 Tage für kleine Tagesgewohnheitsänderungen braucht…Wie auch immer: Aus der erzwungenen Selbstbegrenzung könnte eine freiwillige werden. Die Regionalisierung befördert werden – im Bereich Biolandwirtschaft, wo Jule arbeitet, zum Beispiel. Die Höfe leiden momentan, weil die Helfer aus dem Ausland für die Feldunterstützung (Aussaat etc) fehlen.. Aber DANACH könnten sie Aufwind bekommen.

 

Frauke

Der 9. Tag im Home Office. Seit Tagen warte ich darauf, dass sich der Moment des „Durchatmens“ und „Einen-Gang-Runterschaltens“ einstellt, von dem ich regelmäßig höre. Bisher allerdings: Fehlanzeige.
Als Lehrerin an einer weiterführenden Schule erlebe ich gerade, wie sich ein hochgradig von Regeln geprägtes System, vor eine historische Herausforderung und unbekannte Situation gestellt, in Sicherheit bringt: Indem es in eine irrwitzig erscheinende Geschäftigkeit ausbricht und auf diese Weise schulischen Alltag simuliert: neue Unterrichtsmaterialien erstellen und anpassen, den Schüler_innen Übungsaufträge erteilen, Konferenzen per Videoschaltung durchführen usw.- Unsere Schüler sollen „weiter Lernen können“ – was bedeutet, sie sollen unter radikal veränderten Bedingungen so tun können, als fände Schule weiterhin statt, nur eben zuhause.
Dabei gibt es doch gerade tatsächlich unglaublich viel zu lernen und zu beobachten. Wir sind, zusammen mit unseren Schüler_innen, unfreiwilliger Teil eines gigantischen soziologischen Großversuchs. Wie gehen wir mit dieser Situation um, und welche Reaktionen beobachten wir um uns herum? Welche Werte bewähren sich in der Krise, welche werden schwächer in ihrer Bindekraft? Wer gehört implizit zu der Gemeinschaft dazu, die diese und die folgenden Herausforderungen bewältigt, und wer nicht?
Ich bin sicher: Für die demokratische Sozialisation unserer Schüler_innen wird es entscheidend darauf ankommen, was für sie in den kommenden Wochen und Monaten auf dem „verdeckten Lehrplan“ der Krisenbewältigung und der sie umgebenden gesellschaftspolitischen Diskurse steht.
Ich möchte sie damit nicht allein lassen. Doch was tue ich? Sitze am Schreibtisch und produziere Übungsaufgaben für das Simulationsspiel „Schule geht weiter“. Und spiele mit. Kein schönes Gefühl.
Nun gehört es allerdings auch zu den Kernkompetenzen einer Lehrkraft, sich über die Verhältnisse zu beklagen. Insofern schweige ich jetzt lieber Mal von der Schule und wende mich einigen anregenden „Fundstücken“ zu, die zwar aus der gegenwärtigen Situation heraus geboren sind, aber das Zeug dazu haben, weit darüber hinaus zu weisen.
Ulla hat ja in ihrem Beitrag vom Donnerstag schon von der veränderten Wertschätzung berichtet, mir der viele Kund_innen z.B. der örtlichen Bäckereifachverkäuferin begegnen. Eine ähnliche Beobachtung hat die Unternehmensberaterin Henrike von Platen anlässlich des Equal Pay Days vor zehn Tagen im Deutschlandfunk mitgeteilt. Das war kurz nach den Schul- und Kitaschließungen mit gleichzeitiger Einrichtung der Notdienste für Kinder von Eltern, die unverzichtbare Arbeit leisten. Ihre Feststellung fand ich frappierend:
„Ich bin sehr gestolpert über das ganze Thema der systemerhaltenden Berufe, zum Beispiel Ärzte. Aber dann kommen da sofort Menschen wie Pfleger und Krankenpersonal und Verkäuferinnen. Und dann überlege ich mir, wie die Berufe bezahlt sind. Und dass das genau die Branche ist, die so schlecht bezahlt ist (…)“ [>>DLF: Wichtige, aber schlecht bezahlte Berufe]
Zwei Tage davor (und also schon kurz nach Beginn des „Lockdowns“) hat Heribert Prantl in seiner Wochenvorschau sich klug zur brüchigen Grundlage des >>Wir-Gefühls in der „Virokratie“ geäußert. Die gestrige Kolumne von Sascha Lobo zum >>Gesellschaftlich gefährlichen Gemütszustand der „Corona-Wut“ nimmt das Thema in Teilen auf und spinnt es weitsichtig weiter. „Wir müssen so schnell wie möglich lernen, unsere Hilflosigkeit anders als mit stumpfer Wut zu bewältigen“ mahnt Lobo.
Ich glaube nicht, dass die Geschäftigkeit, mit der meine Schulkolleg_innnen und ich auf die Hilflosigkeit reagieren, langfristig eine tragende Alternative ist. Unsere Gemeinschaft bei LeNa und unser fortlaufender Austausch über Sorgen, Hoffnungen, Hilfebedarf und, ja, Hilflosigkeit schon.