Um kurz vor acht sehe ich sechs Gestalten auf dem Westparkplatz  beim Qigong, dick eingemummelt, das Thermometer zeigt 0 Grad.
Nachmittags ein Spaziergang durch die Felder mit Co-Redakteurin Frauke. Sie hat Erfahrung im Bloggen und ganz andere Themen als Wini und ich. Auf dem Rückweg durchs Neubaugebiet entdecken wir Corinna, unsere „Hühnerberaterin“, im Garten. Vor einigen Wochen hat sie uns Tipps für die Hühnerhaltung gegeben. Vielleicht müssen wir auch dieses schöne Projekt verschieben? Corinna schenkt uns frische Eier. Und sie würde auch gern etwas für unser Tagebuch schreiben. So entsteht der Gedanke, andere Nachbarn um Gastbeiträge zu bitten – aus der JVA, der Psychiatrischen Landesklinik, die Freunde vom Wir-Garten.
Eine halbe Stunde mit Marie auf dem Podest gesessen, sie gefragt, was alle unbedingt wissen wollen: Wie sie auf den Gedanken gekommen ist, uns jeden Tag einen Spruch zu schicken? (siehe unten)
Aus Indien die Nachricht: Ausgangssperre für 1,3 Milliarden Menschen. Wie kann das gehen? Wie bringt man einen Tanker von jetzt auf gleich zum Stehen?
„We shall overcome, some day….
We are not afraid, today…“
singen wir abends. Ein Lied, das zu unser aller Biografien gehört.
Ulla 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Marie

(Gedächtnisprotokoll)
Der Anstoß sei von ihrer Mutter Anne gekommen, erzählt sie: Wie wäre es, wenn wir jeden Tag einen Spruch hätten, wie im Adventskalender? Woraufhin Marie bei Google „Motivationssprüche“ eingab, und beim Scrollen irgendwo in der Mitte einen entdeckte, der ihr spontan gefiel: „Wenn du nicht an Wunder glaubst, denke daran, dass Du selbst eines bist.“ Und so ging es dann weiter, bis sie in einem „P.S.“ andere bat, ihr Sprüche vorzuschlagen.
Schon ihre verstorbene Oma aus Flensburg hat Sprüche gesammelt – ein ganzes Buch angelegt, in kalligrafischer Schrift. So etwas würde Marie auch gern machen, sie übt schon ein wenig. Erst mal weiterhin jeden Tag einen Satz per Mail schicken, bis zum Abflauen der Corona-Krise.
Am stärksten in Erinnerung ist Marie: „Jeder Mensch ist der Architekt seines eigenen Lebens.“ Das stimmt auch jetzt, meint sie. Es gebe immer einen Weg, auch wenn wir ihn noch nicht kennen.
Sie hätte nie gedacht, dass sie die Schule so vermissen würde. Zuhause lernen ist mühsam, heute z.B. sollte sie sich über Steinwüsten informieren. Weil sie letztes Jahr mit der Familie einige Monate in Irland lebte, hat sie den Burren gewählt.
So richtig spielen geht jetzt auch nicht. Immerhin wohnt Lou nebenan, ihre beste Freundin bei LeNa. Aber wenn man nicht spielen kann, dann falle einem beim Reden manchmal nichts ein.
Im Sommer will sie mit Lou Kanu-Fahren in Schweden. Ostern in Dänemark mit der Familie fällt erst mal aus.

Judy

Guten Morgen, liebes Redaktionsteam! Ich habe die ungewöhnliche Stimmung genutzt und ein paar Zeilen geschrieben.
Die Sonne steht noch tief, es ist März, aber sie ist jetzt da, jeden Tag, scheint tief in die Wohnung und bringt das Parkett zum Leuchten. Es ist still in unseren Räumen, obwohl wir alle Zuhause sind. Es ist eine ungewöhnliche Ruhe eingekehrt. Seit über einer Woche keine Schule, keine Sport-und Musikveranstaltungen. Die Kinder liegen im Bett, lesen, basteln und recherchieren zu Themen die sie über den Schulserver aufbekommen.
Unser Grundstück wirkt für diese sonnigen Nachmittage merkwürdig verlassen. Vereinzelt spielen Kinder dort. Es ist zu beobachten, dass die Geschwisterkinder jetzt mehr zusammen spielen. Keine Grüppchenbildung der Erwachsenen mehr, keine spontanen Kaffeerunden im Garten. Unser neu gebautes Holzsitzpodest liegt verlassen in der kalten Märzsonne und scheint geduldig auf lebendigere Zeiten zu warten. Zeiten in denen Eltern mit kleineren Kindern sich nachmittags um den Sandkasten versammeln: Zu dieser Jahreszeit normalerweise noch stehend, in dicken Jacken, später im April und Mai dann auf der Wiese lungernd, mit Picknickdecken.
Wie wird der Frühsommer dieses Jahr aussehen? Wird es Kinderstimmen geben, die durch den Garten hallen und sich quietschend und klackernd auf dem Trampolin vergnügen? Oder werden wir aus den oberen Wohnungen eher beobachten können wie garteneifrigen Nachbarn vereinzelt, in verschiedenen Ecken des Grundstücks ihrer Gartenfürsorge nachkommen? Viele fleißige Hände, die sich hier und da über 2 m Entfernung etwas zurufen, wie schon am letzten Wochenende.
Und die Kinder? Sie sollen immer wieder ermahnt werden Abstand zu halten, 2 Meter, da verliert das gemeinsame Spielen doch seinen Reiz, oder? Vielleicht werden sich Spiele wie der Fußballkreis mehr etablieren: Auch das konnte in den letzten Tagen schon beobachtet werden: Bewegung und Kontakt mit 2 m Abstand, ohne Spielutensilien die mit den Händen ausgetauscht werden. Frisbee und Badminton wohl nicht…..und Tischtennis… mit Handschuhen? Wir werden neue kreative Spiele entwickeln.
Und die Sandkastenkinder? Vielleicht sind die in zwei Monaten alle immun.
Wir jedenfalls üben uns dieser Tage alle in Disziplin: Nichts anfassen Draußen auf dem Laubengang oder auf einem notwendigen Weg in den Keller. Händewaschen nach Rückkehr in die Wohnung, wohlgemerkt vor dem Jacke und Schuhe ausziehen.

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