Der Raps blüht! Alles geht rasend schnell, die Buschwindröschen sind von der Großen Sternmiere abgelöst, zwischendrin das gelbe Scharbockskraut. Kastanien, Linden, Birken zeigen ihre verschiedenen Grüns. War der Frühling je so prächtig? Bestimmt! In diesem Jahr achten wir nur mehr auf seine Schönheiten. Und weil die Geräusche der Zivilisation schwach geworden sind, hören wir die Eichelhäher und Amseln und Mönchsgrasmücken. Und – zum ersten Mal wieder die Lerche.
Zugleich haben Wald und Flur noch mehr Probleme als früher. Stadtförster Per-Ole Wittenberg hat kürzlich in der Lüneburger Landeszeitung die Lage geschildert. Einerseits steht der Borkenkäfer-Ausflug kurz bevor. Heiße Sommer und milde Winter haben ihm beste Bedingungen verschafft, er nistet im Schadholz, das u.a. wegen der Corona-Krise nur zögerlich abgefahren wurde. Andererseits vermehren sich die Wildschweine, nähern sich der Stadt, begünstigt durch besagte himmlische Ruhe. In Volgershall hat eine gezielte „Vergrämungs-Aktion“ begonnen, abends ballert es dort aus Schreckschusspistolen.
Auf unserem Grundstück sind bis zum Nachmittag nur Kinder und Alte unterwegs, die Berufstätigen im Homeoffice arbeiten mit Hochdruck, um die ersten Schritte zur Normalisierung vorzubereiten. Katharina z.B. packt Lernpakete für ihre dritte Klasse. Volkmar tüftelt mit seinen Lehrer-Kollegen Unterrichtspläne aus, welche Klassen dürfen in die Schule, welche Fächer entfallen vorübergehend, welche sind unverzichtbar. Margarete wird ab Montag ihren Laden wieder öffnen.
Im Spiel der Kinder ist Vieles lustig und phantasievoll wie immer. „Coronafrei“ ist es allerdings nur für Minuten. Da werden Atemmasken probiert und vorgeführt, Grundschüler malen ein Monster namens Corona. Willkommene Abwechslung: der Flohmarkt von Luna und Günter, sie haben mal gründlich ausgemistet. Abends ein musikalisches Crossover – „Hallelujah“ von Leonard Cohen und „Wir lagen vor Madagaskar“…
Heute berichtet Nils von seiner verantwortungsvollen ärztlichen Tätigkeit im Bereich der Hamburger Flüchtlingsunterkünfte.
Es geht um die Kita nebenan, wie läuft die Notbetreuung dort. Wieder kommt ein Kind zu Wort, diesmal der achtjährige Juju. Und Angelika, die sich täglich über die Kinder freut.

Ulla

 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Nils

Flüchtlingsversorgung in Corona-Zeiten
Sie ist schon besonders, diese Zeit. Privat und auch im Beruf. Home Office ist ja allgegenwärtig, nur müssen Patienten persönlich gesehen werden.  Schnell wurde mir allerdings klar, dass das bisherige Team die zusätzliche klinische ärztliche Arbeit bei den Veränderungen durch das Coronavirus gar nicht schaffen kann. Deshalb haben alle aus der Abteilung „medizinische Versorgung von Flüchtlingen“, in der ich in Hamburg arbeite, viel nach Personal gesucht. Hamburg hat im Vergleich zu Niedersachsen eine deutlich höhere Dichte (Inzidenz) an Coronafällen. Jetzt sind meine Tage voll mit Telefongesprächen und – konferenzen und Mailverkehr, denn so gut wie keine Besprechung findet mehr persönlich statt und doch ist in diesem Bereich so viel zu organisieren wie seit 2015 nicht mehr. Ab und zu mache ich einen  Hausbesuchsdienst und fahre zu Kranken, behandle oder mache Abstriche auf Corona.
Home Office und Telefonkonferenzen sind eine Umgewöhnung. Für die Telefonkonferenzen zum Beispiel heißt das: Man kann nicht einfach dazwischen reden. Gestik funktioniert nicht. Man hört auf die Moderation. Man sagt seinen Namen vor einem Gesprächsbeitrag – klingt alles logisch, muss man aber erstmal dran denken, wenn man durch den Hörer redet, der bislang für Gespräche zu zweit reserviert war… Jetzt nach ein paar Wochen geht das schon ziemlich gut, wie ich finde.
Was ist so um die Abteilung passiert in den letzten Wochen? Es wurde eine neue Erstaufnahme aufgemacht, um die Flüchtlinge besser aufteilen zu können und Infektionsrisiken zu vermindern. Wir testen viel auf Corona per Abstrich. Wir machen unsere Dienstpläne „coronafest“, reduzieren dabei die Kontakte zwischen den Mitarbeitenden, um weiter arbeiten zu können, auch wenn eineR selbst an COVID-19 erkrankt. Da werden viele Abläufe neu gedacht. Wir schreiben Pläne für den Fall von einem Ausbruch in einer Unterkunft. Alle haben jetzt einen Zugang zum Mail-Account der Arbeit von zu Hause aus. Einige haben Laptops um vollständig von zu Hause arbeiten zu können. Einige Kräfte, die Risikofaktoren haben, machen eine Pause, neue werden eingearbeitet. Das Arbeiten in Schutzkleidung (fast noch nie zuvor gemacht) wird zur Routine – ein Kontakt ohne FFP2-Maske kommt einem auch bei unverdächtigen Patienten fast schon gewagt vor. Die initiale Angst vor dem oder die Missachtung des Virus hat sich deutlich versachlicht. Weil sich so schnell so viel ändert, gibt es fast täglich Neuigkeiten zu verstehen, zu verbreiten und umzusetzen.

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Meine Arbeitszeit hat sich wegen all dieser Faktoren stark erhöht, auf einmal bin ich wieder abends und am Wochenende aktiv, weshalb Ihr mich so selten seht…Zum Glück hat Nina jetzt mehr Zeit und kann mehr mit den Kindern machen, sonst ginge es nicht. Dafür danke ich ihr von Herzen!! Bei allem Stress ist die Arbeit tief befriedigend. Die Frage nach dem Sinn stellt sich nicht, denn was wir (also die Mitarbeiter*innen der Abteilung in der ich arbeite) tun finde ich zweifelsohne sinnvoll. Hierarchien selbst zu „hohen Tieren“ werden flacher angesichts der für alle heraus fordernden Situation. Die Zusammenarbeit mit anderen Beteiligten ist enger und unkomplizierter als zuvor. Es melden sich – ganz gegen meine Erwartung – viele Personen mit medizinischer Ausbildung und möchten mitarbeiten. Davor habe ich riesige Achtung, denn niemand müsste und trotzdem fragen Leute aktiv nach, freuen sich, helfen zu können und versorgen über Stunden COVID-19 Erkrankte, zwar in Schutzkleidung aber doch immer mit einem Risiko, sich anzustecken. Ich hoffe, dass die Zeit schnell vorbei geht, die Krankheit sich zurückzieht, die Arbeit weniger wird und wir alle, auch die Flüchtlinge, (wieder) freier leben können. Und ich hoffe, dass einiges aus dieser Zeit erhalten bleibt: die gute Zusammenarbeit, flache Hierarchien, Hilfsbereitschaft, Flexibilität und Wohlwollen, wenn im Stress mal etwas nicht klappt wie erwartet, neue Strukturen und das Bewusstsein, dass wir so etwas zusammen, als Abteilung, als öffentliche Verwaltung, als Gesellschaft, als Familie und als Wohngemeinschaft schaffen können. Das wäre eine gute Basis für Neues!
 

Siegrid Neumann/ DRK Kita Brockwinkler Wald

In unserer Kita ist es schon seit über 4 Wochen recht ruhig. Zurzeit betreuen wir bis zu 10 Kinder von Eltern aus systemrelevanten Berufen, die die Betreuung ihrer Kinder nicht anders organisieren können. Wir haben 2 Kleingruppen gebildet. Die Kinder dieser Gruppen dürfen nur getrennt voneinander spielen, auch wenn in einer Gruppe an einem Tag nur 1 oder 2 Kinder sind. Das ist für die Kinder manchmal gar nicht so einfach und vor allem auch nicht zu verstehen.
Die wenigen Kinder können sich noch mehr als gewohnt aussuchen, was sie gern machen möchten.  Vor allem wird viel gebastelt und die Turnhalle genutzt. Heute sind die Kinder dabei, unseren Spielplatz von Unmengen von Tannenzapfen zu befreien.
Von einigen Familien haben wir liebevoll gestaltete Osterkarten erhalten.  Darüber haben wir uns sehr gefreut.
Was ein bisschen schwierig bzw. unmöglich ist, ist die Einhaltung der Abstandsregeln. Es gelingt uns nicht, beim Basteln, Anziehen, Händewaschen und ähnlichem zu helfen oder Kinder zu wickeln und dabei einen Abstand von 1,5m einzuhalten.
Nichtsdestotrotz: In der KiTa sind alle gesund und wir hoffen, dass es auch allen anderen Kindern und Eltern gut geht, die schon so lange zu Hause sind.
Wir wünschen uns und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen.
 
 

Juju

Jujus Mutter Nina hat uns erzählt, was Juju ihr über die gegenwärtige Situation erzählt hat. Juju ist sieben und besucht die zweite Klasse.
Juju ist dafür, die Schulen noch nicht zu öffnen, denn, so sagt er, man sitzt da an Tischen und kann den Abstand nicht einhalten. Auch in den Pausen spielen alle zusammen. Corona hat sich ja nur beruhigt, weil alle Menschen „in Quarantäne“ sind, meint er.
Deswegen findet Juju es auch gut, dass die Schule geschlossen hat, denn es ist ja gut, daß sich die Situation schon beruhigt hat und nicht so viele Leute so doll krank geworden sind. Aber er findet es auch blöd, dass man seine Freunde von außerhalb des LeNa-Grundstücks nicht sehen kann und auch nicht mit ihnen drinnen spielen kann. Im Moment lernt er auch andere schöne Sachen, die er in der Schule nicht lernt. Aber manchmal ist es auch wichtig, zur Schule zu gehen. Das Lernen in der Schule vermisst er gerade nicht.
 
 

Angelika

Mich fasziniert immer wieder, welche Phantasie die Kinder entwickeln, so z.B. die neue Schlagzeuger-Generation mit Juju und Toni. Durch den Klang, der durch meine offene Balkontür in meine Räume
schwingt, werde ich aufmerksam, flitze schnell im Rollstuhl durch die Wohnung, um dann draußen auf dem Balkon in den anderen Rollstuhl umzusteigen, lehne mich über die Brüstung und entdecke die beiden.
2 Kinderschubkarren, ein Gartenstuhl und ein umgedrehter Sandspieleimer, sowie 2 Stöcke, erzeugen die unterschiedlichsten Klänge.
Wie schön, dass es sich für mich anfühlt, als sei durch die Lebendigkeit der Kinder im Garten mein „Wohnradius“ erweitert.
 

 

 

 

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