So voll war es an einem Osterwochenende bei uns wahrscheinlich noch nie. Alle LeNas sind da, die geplanten Familienbesuche abgesagt, und es ist bei schönstem Wetter Zeit für gemeinschaftlich geteilte Geschäftigkeit (u.a. Fahrräder putzen war heute angesagt), Spiel (aktuelle Erkenntnis: Federball und Tischtennis sind sehr epidemietaugliche Sportarten), Gärtnern oder auch einfach nur Rumhängen und in die Sonne Blinzeln.
Für einige ist das ein Geschenk („die Kinder sind glücklich – die brauchen gar keine anregende Action“ beobachtet eine Mitbewohnerin). Anderen geht das Warten auf den Wecker, und der kontaktlose Kontakt fällt und macht schwer. Der Zustand des „Shutdowns“ hält nun schon drei, vier Wochen an, und einige von uns stellen fest, dass eine gewisse Gewöhnung eingetreten ist. Es entsteht vermehrt Raum für Reflexion (der Gegenwart oder der eigenen Situation), Analyse (der gesellschaftlichen Lage) und Vorausschau (auf das, was „danach“ kommt – hoffentlich oder hoffentlich nicht, je nach dem).
Unsere – unglaublich zahlreichen! – heutigen Stimmen und Gedanken spiegeln all das (und natürlich Ostern) wider:
Grete schildert die Auswirkungen des Besuchsverbotes für Seniorenheime aus dem eigenen familiären Umfeld.
Polly überlegt, inwieweit die Teilstilllegung von Sozialkontakten ihrer eher introvertierten Persönlichkeit entgegen kommt.
Barbara hat (und philosophiert über) Zeit zum „tages-langen“ Backen. Ihr Text macht Lust auf die beste selbstgemachte Pizza ever.
Katharina blickt mit einem Text von Heribert Prantl zum Karfreitag zugleich hoffend in die Zukunft und empört an die Grenzen der gesellschaftlichen Zugehörigkeit.
Gedanken, die auch im Mittelpunkt des Gastbeitrages von Michael stehen.
Grete schließlich beendet die heutige Textsammlung mit einer kleinen, tröstlichen Natur-und-Menschen-Beobachtung am Teich im Wald.

Frauke

 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

 

Grete

Schon Ende Februar hatte ich meiner Schwiegermutter einen Besuch für die Karwoche angekündigt. Sie lebt im Wendland in einem Seniorenheim. Anfang Mai wird sie 99 Jahre alt. Besuche in Pflegeheimen sind längst nicht mehr möglich. Wie wird es an ihrem Geburtstag sein? Wird sie diesen Tag allein verbringen müssen? Mit einem bestätigten Coronafall in dem Heim wird das immer wahrscheinlicher.
Sie hört sehr schlecht. Telefonieren ist so gut wie unmöglich. Wie mag man sich in einem Pflegezimmer so isoliert von der Außenwelt zu Ostern fühlen?
Dagegen sind meine Waldspaziergänge in strahlender Sonne ein riesiges Ostergeschenk. Ich bin dankbar dafür. Meiner Schwiegermutter wünsche ich „danach“ noch viele schöne Momente und die Chance das Gefühl von Isolation durch Corona am Ende ihres langen Lebens durch gute persönliche Kontakte überdecken zu können.

 

Polly

Vor einigen Tagen las ich, die derzeitige Situation sei ein „Frühlingserwachen für Introvertierte“ , weil nicht mehr das Ständig-unterwegs-und-unter-Menschen-Sein unser Leben bestimmt. Stattdessen müssen wir uns nun nicht mehr dafür rechtfertigen, auch an Wochenenden lieber zu Hause zu bleiben und überhaupt uns selbst genug zu sein – denn was für uns schon lange der Idealzustand ist, gilt nun als „das neue Normal“. Der Spieß ist umgedreht; nun müssen sich die Extrovertierten endlich einmal dem anpassen, wie wir Introvertierten ohnehin gerne leben.
„Da ist was dran“, dachte ich.
Aber so einfach ist es auch nicht. Denn dann dachte ich daran, wie erschöpft ich während der ersten drei „Corona-Wochen“ war. Für Introvertierte mit kleinen Kindern ist das Leben auf relativ engem Raum genauso anstrengend wie ständig rausgehen zu müssen. Aber in dieser nun endenden vierten Woche ist es mir so nach und nach gelungen, meinen Frieden mit der Situation zu machen. Gerade finde ich es ganz in Ordnung, einfach hier zu sein, mit mir, Arthur und den Kindern. Und ich kann sogar meine Enttäuschung darüber vergessen (oder einfach nur verdrängen??), dass wir den lange geplanten Osterbesuch bei meiner Familie, die 500km entfernt wohnt, auf unbestimmte Zeit verschieben mussten.
Ich weiß nicht so recht, woran es liegt. Mehrere Gründe fallen mir ein: Nach drei Wochen haben sich in unserer Kleinfamilie gewisse Abläufe eingespielt, sind diverse Konflikte nun ausgetragen (nicht, dass nicht neue aufkämen…) Das gute Wetter hebt die Stimmung, ein paar Arbeitsdinge liefen gut. Ich habe mal wieder geschafft, ein Buch innerhalb weniger Tage durchzulesen. Und ich habe meinen Nachrichtenkonsum stark reduziert. Viel zu viel Corona, viel zu wenig von dem, was sonst so geschieht, oder, was woanders gerade geschieht. Wir sind hier nicht der Mittelpunkt der Welt.
Über meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte: „Every Day is a New Day“. Angeblich hat Andy Warhol das gesagt. Egal, der Satz begleitet mich schon lange und zurzeit denke ich sehr oft daran. Jetzt, da ich plötzlich mit einer Unsicherheit lebe, die ich vorher so nicht kannte, versuche ich mehr, im hier und jetzt zu bleiben und mich auf den heutigen Tag zu konzentrieren. Was natürlich relativ leicht ist, wenn ich ziemlich sicher weiß, dass ich auch morgen zu Hause sein und nicht z.B. ins Schwimmbad oder Kino gehen kann. Im Gespräch mit Christiane, während wir beide ein kleines Stimmungstief beklagen, stellen wir fest, dass wir beide gerade so leben. Heute ist heute, wer weiß, was morgen kommt. Ein bisschen Selbstschutz ist das auch, ich kann es so gerade besser aushalten. Und finde mich dann wiederum furchtbar überheblich, weil ich mir diese Art Ignoranz leisten kann.
Aber jetzt gerade, in dieser Woche hilft mir das „Morgen-ist-ein-neuer-Tag“-Mantra, mehr als nur zu funktionieren, sondern dies auch einigermaßen positiv gestimmt zu tun. Und hier bringt es vielleicht auch etwas, als introvertierter Mensch zu wissen, dass ich mir selbst genug sein kann, dass ich es gut aushalten kann, ohne ständig neue Kontakte durchs Leben zu kommen. Eine Sorge weniger. Und natürlich hilft es auch, auf unserer kleinen LeNa-Insel zu leben, wo man gut alleine sein kann, ohne sich einsam zu fühlen. Und wo wir versuchen, einen einigermaßen guten Alltag miteinander zu leben; wo sich auszahlt, dass wir auch „vor Corona“ schon eine gute Nachbarschaft gelebt haben.
Wobei mich Manfreds Gedanken auch beschäftigen, wenn er sagt, dass die Kontakte in die Nachbarschaft um uns herum weit besser sein könnten.
Ach, es gibt so viel zu tun. Morgen ist ein neuer Tag und irgendwann werden wir auf diese Zeit zurückblicken – ich hoffe so, dass wir sagen können, wir haben etwas daraus gelernt. Ich finde, wir hier bei LeNa lernen zumindest viel Neues über uns selbst und über einander, darüber bin ich froh.

 

Katharina

Am Karfreitag hatte Wini beim allabendlichen Singen den Auszug eines Textes von Heribert Prantl aus der Süddeutschen vorgetragen: „Im Corona-Jahr ist Ostern Furcht und Zittern“. Wohl wahr!
Ich habe anschließend den kompletten Artikel noch mal gelesen. Herr Prantl hat eindrückliche Worte gewählt. Ich spüre, dass ich mich in dieser „besonderen“ Zeit ganz neu mit dem Osterfest in seiner Ursprünglichkeit verbinden kann. Und so sind mir Prantls Worte „Der Karfreitag ist ein stiller Feiertag, der der Verzweiflung einen würdigen Raum gibt.“ besonders nahe gegangen. Auch die Schattenseite des Lebens braucht ihre Würdigung. Sie gehört unweigerlich dazu. Und so sollten wir immer wieder innehalten und dem Schmerzvollen, Dunklen und Schweren einen würdigen Raum geben, nicht nur am Karfreitag. So kann Heilung geschehen. Und so kann noch echter gefeiert und das Schöne genossen werden. An Ostertagen und an vielen anderen Tagen auch.
Es gab jedoch auch eine Textstelle, die mich betroffen gemacht hat, die so einen engen Blick hat.
„Heute, im Jahr 2020, beginnt der Karfreitag für zigtausend Menschen auf der ganzen Welt mit Atemnot, und sie beenden ihn, auf dem Bauch liegend, in einem Notbett im Krankenhaus,“ schreibt Prantl. Ohne Zweifel ist dies so, und natürlich tragen wir die Hoffnung, dass im kommenden Jahr am Karfreitag keine Menschen vom Corona-Virus gequält unter Atemnot leidend im Krankenhaus liegen. Aber es werden ohne Zweifel auch im kommenden Jahr wie in diesem Jahr, und wie in so vielen zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten am Karfreitag (und an allen anderen Tagen) viele Menschen am Abend sterben und unermesslich leiden. Es gibt schon so lange ein tödliches Virus, welches täglich 8500 Kinder tötet. Dieser Virus nennt sich „Hunger“.
Ich möchte das eine nicht schmälern durch das andere. Aber ich möchte auch an das andere denken und ihm einen würdigen Raum geben. Auch und vor allem in dieser Zeit! Wir sind Teil einer Struktur, die eine solche Schieflage auf unserem Globus geschehen lässt.
Mögen viele Gesellschaften gestärkt aus dieser Krise hervorgehen und mögen diese Gesellschaften sich besinnen und diese neugewonnene Stärke für die Gesundheit, Sicherheit und Freiheit aller Menschen dieser Welt einsetzen, hier bei uns und überall. Und möge diese Zeit uns etwas lehren und demütig den Menschen begegnen, die auch nach Corona eingesperrt sind, Verzicht üben müssen und vor Furcht zittern.
Möge diese Zeit die Welt ein Stück besser machen.

 

Barbara

Pizza à la Corona
335 g Mehl, 225 g Wasser 35°C, Zeit, Zeit, 7 g Salz, 3 g Hefe, Olivenöl, liebevolle Betreuung
Die Coronakrise erfordert viel Umdenken und Neulernen. Meine Freundin Paula hat sich zum Beispiel jetzt eine Podusche gekauft und lernt mit wenig Klopapier auszukommen. Ich hab mich für’s Backen entschieden – Backen mit wenig Hefe. Im weltweiten Netz gibt es den Geowissenschaftler Lutz Geißler, der sich darauf spezialisiert hat: Im Plötzblog zeigt er, wie ich mit wenig Hefe, aber viel Ruhe und viel Zeit tolle Backwerke zubereiten kann. Und, freie Zeit habe ich im Moment einfach mehr.
Diesen Corona-Begleitzustand wollte ich gern annehmen und genießen. Also ans Werk: Zuerst Mehl mit Wasser, sonst nichts, vermengen und Zeit geben: zwei Stunden. Erst jetzt gebe ich eine doppelte Erbsengröße Hefe und die übrigen Zutaten dazu und wieder Zeit. Nach einer Stunde den Teig dehnen und falten. Nach gesamt zweieinhalb Stunden ist er um das doppelte gewachsen. Aber fertig ist er noch nicht. Ich drittele den Teig und forme ihn rund, so kann er jetzt bis zum nächsten Tag unter Folie und im Kühlschrank weiter reifen.
Noch nie hatte ich einen so fluffigen Pizzateig in Händen, locker ließ er sich fürs Backen formen, mit Mehl bestäubt einfach zur Pizza ausziehen. Der Ofen war bereits auf heißeste Temperatur eingestellt – die Wartezeit genutzt, den Belag vorzubereiten: Tomatensugo, Mozzarella, Pilze, etwas Parmesan und frische Kräuter. Nach 12 Minuten war sie dann fertig: die leckerste selbstgemachte Pizza, die Uwe und ich je gegessen haben.
Was mir beim Zubereiten besonders gefiel ist, dass so ein Teig den Tag irgendwie mitgestaltet und begleitet. Zwischendurch kann ich anderem Tagwerk nachgehen oder meinen Gedanken, in der Sonne dösend. Und so ein Teig hat etwas sehr Lebendiges! Schön in Coronazeiten.

 

Michael

Liebe Nachbar*n!
Gestern Karfreitag, Heute Karsamstag, Morgen Ostern.
Was bewegt mich? Ich will nicht alles ins Corona-Verhältnis setzen.
Die sog. „Coronakrise“ ist Krise in einem die Virus-Epidemie weit überschreitenden Maße. Sie ist insoweit nicht neu und nicht einzuschränken. Sie ist systemrelevant in dem Sinne, dass sie die Systemfrage auf allen Ebenen aufwirft; sie ist regional und entzieht sich zugleich Versuchen der Grenzziehung (es geht auch nicht nur um ein Entweder-Oder von 40.000 Wanderarbeitern vs. 20.000 eingesperrten Flüchtlingen, sondern um ein Sowohl-als-Auch und noch darüber hinaus); sie ist, unabhängig von Sars-CoV-2, lokal und individuell – und insgesamt ganz außerordentlich sozial.
Ich könnte jetzt von meiner Arbeit berichten, von obdachlosen Menschen und anderen, der Ungerechtigkeit im Alltag und den sozialen und politischen Verhältnissen, schon vor Corona.
Ich könnte von meinem Kampf mit mir um Glauben – nicht für Gewissheit, sondern um Trost und Hoffnung – sprechen, da wo das wissentlich Vernünftige endet, die Sehnsucht nach dem Eigentlichen beginnt, die Fähigkeit zu Vertrauen in etwas oder eine*n, der da den Grund gelegt hat, mir Aussicht auf Zuversicht gibt.
Ich könnte über Zweifeln reden und Getrenntsein vom Sinn oder vom Hoffen und Glauben in das nicht Ergründliche.
Ostern ist nach Karfreitag und nur durch Karsamstag in der Tiefe und der Veränderung, die auch mir zugesprochen wird, der Auferstehung, zu verarbeiten. Auferstehung ist nicht weniger als die Hoffnung und die Gewissheit, dass der Tod nicht die letzte Instanz ist, sondern das Leben. (Übrigens überschreitet das bestimmt mein in mir festgehaltenes Ich – also sollten wir hier nicht so kleinlich sein, dieselben bleiben zu wollen…)
Ich habe dieser Tage ein paar Texte gelesen. Die möchte ich unten in Ausschnitten oder sogar ganz als Anregung anbieten, weil sie mich bewegen.
Frohe Ostern, wahrhaftige Auferstehung, auf das Leben.
Michael Elsner
(aus der Nachbarschaft  – Am Springintgut / Ecke Schomakerstraße)

Zu den Texten

Texte: Alexander Schwabe in Publik-Forum 7/2020: … Im Glaubensbekenntnis heißt es: Gekreuzigt, gestorben und begraben. Demnach stimmt es: Gott ist tot! Ja, er wurde auf Golgatha getötet (Karfreitag). Er stieg hinab ins Reich des Todes. Das ist der karsamstagliche Ort. Ein Ort der Isolation und der Einsamkeit. Eine Zeit der Leere und der Ziellosigkeit. Ein Shutdown allen Lebens. Ein Ort, dessen Trostlosigkeit und Ausweglosigkeit sich nur in einem paradoxen Akt durchhalten lässt – im Akt des Glaubens trotz aller Sinnlosigkeit. Indem man glaubt, was nicht zu glauben ist: die Auferstehung der Toten. Es ist ähnlich wie bei Sisyphos, der den Stein immer wieder den Berg hinaufwälzt, obwohl er jedes Mal runterrollt. Doch er nimmt das Absurde an, weshalb Albert Camus von ihm sagt: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.«

Christian Feldmann auf evangelisch.de über Johann Baptist Metz: … Bei ihm ist verhältnismäßig selten von Erbsünde und privater Gottesbeziehung die Rede, umso mehr aber von der gesellschaftskritischen Kraft christlicher Hoffnung. Seine Theologie nach Ausschwitz beginnt mit einem verzweifelten, empörten Schrei nach dem schweigenden Gott und spricht von Zukunft und Erlösung unter Ansehen der tristen Realität der Welt. „Jesu erster Blick galt nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen.“ Leidenschaft für Gott ist verbunden mit Leidempfindlichkeit für andere. Christus ist der Bruder der Leidendenden. Das Leid der Welt ist nicht vorschnell mit einem guten und allmächtigen Gott zu versöhnen, sondern in den Fragen an Gott in der Gegenwart ist Gerechtigkeit zu fordern. „Wer an den biblischen Gott Jesu glaubt, für den heißt Glauben Wachen und Aufwachen angesichts der Zustände unserer Welt! Selig sind die Trauernden.“

Zum Schluss Heribert Prantls gestrige Kolumne in der SZ: Das Osterfest wird in diesem Jahr überschattet vom Karfreitag, und der Karfreitag hat schon vor Wochen begonnen, schleichend, und er will schier nicht enden. Der Karfreitag ist ein stiller Feiertag, der der Verzweiflung einen würdigen Raum gibt. Er ist nicht der Tag des friedlichen Entschlafens, sondern des schmerzhaften Sterbens. Er erinnert an den Tag, an dem Jesus von Nazareth als junger Mann am Kreuz hingerichtet wurde. Dessen kurzer Weg auf den Tod zu beginnt am Vorabend des Karfreitag in Gethsemane, dem Garten am Ölberg in Jerusalem; und er endet, nachdem er sein Kreuz dorthin selbst hatte schleppen müssen, auf dem Hügel Golgatha. Todeskandidaten damals wurden nackt ausgezogen, an das Kreuz gebunden, manchmal auch noch genagelt, und starben nach stunden-, manchmal auch tagelanger Qual einen Erstickungstod. Im christlichen Gedenken folgt dem Tod am Freitag freilich schon am Sonntag seine frohe Überwindung. „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ heißt es im Glaubensbekenntnis. Also: am Freitag gekreuzigt, gestorben und begraben; am Samstag, dem Sabbat, hinabgestiegen in das Reich des Todes; am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, auferstanden von den Toten. Diese drei Tage vom Tod zur Auferstehung sind freilich keine kalendarische Zeitangabe; sie sind eine theologische Zeitansage. Der Sabbat, der Tag der Ruhe, in der sich das Leben erneuern und die ganze Schöpfung regenerieren soll, wird zum Tag der Totenruhe und Grabesstille, zum hoffnungslosen Stillstand, zum Shutdown des Lebens. Die Auferstehung am Tag danach, dem ersten Tag der Woche, bei Sonnenaufgang, zitiert die Sieben-Tage-Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel; sie steht für den Anfang einer neuen Schöpfung. Vom Sterben bis zur Auferstehung können es drei Tage sein, drei Monate oder auch drei Jahre. Im Corona-Jahr 2020 ist das besonders spürbar; die Welt befindet sich seit Wochen im Karfreitag; die Gesellschaft lebt in einer zerdehnten Zeit; und sie wartet auf das, was in der Bibel die Auferstehung heißt. In den Osterbildern aus allen Jahrhunderten triumphiert der Auferstandene. In den Osterliedern jubelt das Halleluja. Im Osterlachen wird der Tod ausgelacht. Nichts, gar nichts davon in diesem Jahr. Das Jahr 2020 ist ein Jahr ohne Osterjubel, ohne Halleluja, ohne beglückende Osternacht. Es ist ein Jahr ohne Osterlicht und Osterfeuer, ohne Hochamt, ohne Weihrauch und Predigt. Ostern 2020 ist das Hochfest, das kein Fest ist, weil fast alles ausfällt, was zu diesem Tag gehört, vor allem die Begegnung der Menschen miteinander. Ostern 2020, das sind die Tage der großen Irritation. Aber eben diese Irritation, die Furcht und die Angst sind etwas Ur-Österliches. Die Evangelien schwelgen gerade nicht in triumphalistischen und üppigen Bildern von der Auferstehung. Nirgendwo im Neuen Testament wird die Auferstehung selbst geschildert. Alle Geschichten, die erzählt werden, handeln vom Vorher oder vom Nachher. Sie handeln also von Gefangennahme und Tod; und dann folgen die Erzählungen vom leeren Grab und davon, dass der Auferstandene verschiedenen Menschen begegnet, die ihn nicht erkennen, die zweifeln, die ihn für einen Fremden halten – und in dem Moment, in dem er erkannt wird, ist er schon wieder verschwunden. Ostern hat, zumal dann, wenn man bei Markus, also in der ältesten Evangelienliteratur, nachliest, etwas vermeintlich Unösterliches: Nicht Freude ist die erste Reaktion, sondern Entsetzen, Furcht und Zittern. Frauen kommen zum Grab, um den toten Körper zu salben, und sie reden auf dem Weg noch davon, wer ihnen wohl den schweren Stein vom Eingang des Grabes wegwälzt. Als sie hinkommen, ist der Stein schon weg, das Grab ist leer, ein junger Mann sitzt da, Engel wird er nicht genannt, und sagt ihnen, dass der Gesuchte auferstanden sei. Jubel? Freude? Enthusiasmus? Gar nicht, im Gegenteil, die Frauen fliehen: „Denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand irgendetwas davon, denn sie fürchteten sich.“ Damit, nicht mit Jubel, sondern mit Irritation, mit Fassungslosigkeit und Schweigen endet die Ostererzählung beim Evangelisten Markus. Sie endet mit großer Sprachlosigkeit. In ihr spiegelt sich die Sprachlosigkeit des Ostern 2020, in der niemand vollmundig von Auferstehung reden mag, selbst die Kirchen nicht. Die österlich keimende Hoffnung ist sehr versteckt im Markus-Evangelium. Sie verbirgt sich in einer befremdlichen Szene bei Jesu Gefangennahme im Garten Gethsemane, als alle Getreuen ihn verlassen hatten: Da taucht wie aus dem Nichts ein junger Mann auf, der nur mit einem Tuch bekleidet ist, sozusagen mit dem letzten Hemd; der Mann folgt dem gefangenen Jesus, und als die Soldaten auch ihn packen, lässt er das Hemd fallen und läuft nackt davon. Der nackt Flüchtende gehört in die Metaphorik des Krieges, ist eine Ikone der Apokalyptik, steht für die Nacktheit der Welt, die auch im Jahr 2020 so spürbar ist: Helfern fehlen Schutzmasken, Kranken fehlen Medikamente, Experten fehlt Erfahrung, Geflüchteten fehlt Schutz. Der junge Mann kehrt wieder am frühen Ostermorgen. Er sitzt im leeren Grab, nun mit einem leuchtend weißen Gewand bekleidet – und bezeugt die Auferstehung. Das neue Kleid, das den Jüngling umhüllt, ist das Gewand zaghafter Hoffnung. Einmal ist Ostern Freude und Jubel, ein andermal mehr Furcht und Zittern. Im Jahr 2020 ist es letzteres. Aber vielleicht steckt darin mehr Nachdenklichkeit, mehr ehrliche Hoffnung, mehr sensible Sehnsucht als sonst. Es könnte sein, dass die prekäre Oster-Stille des Jahres 2020 eine besondere Kraft entwickelt. Am ersten Ostern war es so.

 

Grete

Wieder hat mich unsere wunderbare Frühlingsumgebung hinausgezogen. Eine Bank an einem der schönen nahen Teiche lud zu einer Pause in der Sonne ein. Es war herrlich warm und ganz still. Ich konnte die Kanadagänse beim Brüten und Kreise paddeln beobachten. Dann hielt ein Fahrrad mit Anhänger neben mir. Der Vater holte seine ca. 3-jährige Tochter aus dem Anhänger und erklärte geduldig den Brütvorgang bei den „Enten“. Die Kleine war begeistert und wollte sofort ihr Brötchen mit den Vögeln teilen. Was machte es da schon, dass der Papa offensichtlich Enten nicht von Gänsen unterscheiden konnte. Er hatte seiner Tochter mit diesem Ausflug eine Riesenfreude gemacht. Das ist es doch, was zählt.

 

 

 

 

 

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