Morgens auf dem Flur treffe ich eine verstrubbelte, leicht panische Nachbarin: Der Server der N-Bank, wo Solo-Selbständige Anträge auf Soforthilfen stellen können, ist zusammengebrochen, die website in stundenlangen Versuchen nicht erreichbar. Wie viele kleine Selbständige haben wir hier bei LeNa? Sechs, sieben oder mehr?
Gemüseanlieferung vom Wir-Garten ist planmäßig. Eine willkommene Abwechslung für Thommy und Simon, die beiden Fünfjährigen, die gerade viel zusammen herum stromern.
Für den Nachmittag ist wieder eine Elternversammlung einberufen. Im weiten Kreis stehen sie um den Sandkasten, auf dem dicken Findling Nina, die Ärztin. Wie können wir den Kindern helfen, den Sicherheitsabstand einzuhalten, den Kleinsten vor allem, die nicht verstehen, worum es geht? Vom Balkon im ersten Stock schaue ich zu, verstehe aber nur Wortfetzen, nehme aber den ruhig-sachlichen und respektvollen Ton wahr. Die Mütter und Väter sind gut eingespielt miteinander. Zwischendurch mischt sich unser Jurist ein, er informiert über die neuesten Verordnungen im Land Niedersachsen. Unter anderem wird beschlossen, die Sandkästen mit Flatterband abzusperren. Wir Nicht-Eltern und Älteren werden später per Protokoll informiert. Ein Stück Selbstverwaltung! Eine Vollversammlung ist bei 54 Erwachsenen nicht mehr möglich, Reden über drei Häuser, drei Etagen und dutzende Balkone hinweg geht nicht mehr – nur Singen.
Der Anblick der abgesperrten Sandkästen macht traurig. „Kein schöner Land in dieser Zeit“ singen wir, mit einer angehängten optimistischen Strophe. Und weil das nicht reicht, rufen einige nach Georg und seiner Gitarre und dem schwungvollen Lied „Miteinander“ von Dieter Süverkrüp: „Der Mensch braucht jede Menge ganz menschliches Gedränge…Oli oli ola“. Georg hockt auf der Balkonbrüstung wie ein Vogel – ein Moment der Leichtigkeit.

Ulla

Stimmen – Beiträge – Interviews

Tom

„Heute Nacht hatte ich einen schönen Traum! Ich habe geträumt, ich kann in die Schule gehen!“

 

Fionn

von der Genossenschaft „Wir-Garten“
Die ersten frischen Radieschen!!!! Während Fionn im Kellervorraum unsere Kisten füllt, erzählt er, dass auf dem Gartengelände der Genossenschaft die Arbeit gut voran geht – die hauptberuflichen Gärtner, zwei, drei Freiwillige, Abstand zu halten sei kein Problem. Kunden, die nicht zu den Abholstellen kommen können, weil sie in Quarantäne sind oder nicht vor die Tür wollen, würden Zuhause beliefert. Alles soweit normal, eine wirklich gute Nachricht.

 

Jutta

(Interview per Telefon)
Ich bin gesund. Versorgt werde ich, die Nachbarn kaufen für mich ein. Aber das Leben Zuhause ist langweilig und öde. Ich telefoniere viel. Gerade kam eine WhatsApp von meiner Tochter aus Hamburg, die ist in Kurzarbeit und hat mir Fotos von ihrem Arbeitsweg geschickt, sehr schön, vom Wald und der Elbe.
Die Kontaktsperre ist das Schrecklichste. Nein, schrecklich ist nicht das richtige Wort, es ist das Doofste. Das Isoliertsein ist einfach beschissen. Ich benehme mich einsam. Und ich bin ein Mensch, der nicht für die Einsamkeit geboren ist. Ich muss reden, hier bei LeNa ist das so einfach, Tür auf und jemand ist da, Schwätzchen halten. Jetzt sind die Türen zu.
Mit Heike von nebenan rede ich auf dem Balkon, das geht noch. Ich sehe von oben die Kinder im Garten. Und gucke, wer ist auf dem Balkon, und winke. Winken, das allein ist schön. Das Singen am Abend ist toll. Wenn ich in einem normalen Mietshaus säße, da würde mich niemand bemerken.
Ich bin zufrieden, soweit man in dieser Zeit zufrieden sein kann. Ich bin alt genug, mit achtzig Jahren, wenn es mich denn erwischt. Nein, Angst habe ich nicht davor. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Wenn ich angesteckt würde und ins Krankenhaus muss, nein das will ich nicht. Ich hoffe von Woche zu Woche, dass es lockerer wird. Eine sehr lange Zeit kann ich mir nicht vorstellen.
Ich bin ein bisschen gläubig. Ich bete jeden Tag. Das hilft mir. Jammern tu ich nicht. Ich hab zu essen und zu trinken, ich kann noch laufen. Unsere Generation hat den Krieg mitgemacht, auch Armut mitgemacht. Ich hab als Kind die Schafe gehütet, damit die Familie Milch hatte. Jammern, nee! Auch im Krieg war ich eigentlich ziemlich behütet, ich hab nie gehungert. Brot mit Zucker und Margarine war meine Leibspeise. Aber so eine Isolation, die gab es damals nicht.

 

Brigitte

Heute früh habe ich meine Yoga- Übungen zwar nicht draußen, aber innerhalb der großen Fenster meiner Wohnung, von denen ich den Blick in unseren vorfrühlingshaften Park habe, gemacht. Ich freute mich beim Blick nach draußen über unseren wundervollen Garten.
Nach meinem leckeren Frühstück mit viel Espresso kam Elly. Wir besprachen dies und das, z.B. passt mein Strickstrumpf jetzt für Gr. 38. Ellys Füße sind das passende Modell, ich kann nicht probieren, meine Füße sind zu groß.

Danach habe ich etwas Hausarbeit erledigt – mein Sofa und andere Flächen vom Staub befreit, den ich bei LeNa lieber vermissen würde.

Den Rest meiner sehr leckeren Kürbis-Tajine habe ich genossen, mich nur kurz hingelegt und bin dann mit meinem Rad zum Hasenburger Bach gefahren. Hier wollte ich unbedingt spazieren gehen. Darauf habe ich mich heute gefreut. Ein zauberhafter Spaziergang nicht auf den gerade verlaufenden Waldwegen, sondern an dem mäandernden Mühlbach entlang. Wild romantisch liegen dort von den Stürmen entwurzelte riesige Buchen über ihm. Manchmal muss ich gebückt unter und auch über die den Trampelpfad versperrenden querliegenden Stämme hindurchkrabbeln oder darübersteigen. An einer besonders schönen Stelle setze ich mich auf einen Stamm und genoss die Umgebung, die Situation, horchte auf Vogelstimmen, die ich leider nicht identifizieren konnte und auch andere Waldgeräusche. Da die Bäume noch nicht belaubt sind, war der Wald sonnenhell.

Nach einer Pause schlenderte ich zurück zu meinem Fahrrad um noch ein weiteres Highlight – den Kurpark – auf zu suchen. Dort empfingen mich weiß-blau blühende breite Rabatten. In einer eingehegten kleineren Wiese badete ich in einem blühenden gelben Narzissenbad. Grün-gelbes Bad mit weißen Sesseln und darüber der blaue Himmel. Wenige Besucher schlenderten ebenfalls genussvoll durch den Park.

Auf dem Platz vor der Konzertmuschel spielten drei Paare auf Abstand Boule, einige sonnenhungrige Besucher reckten auf den Stühlen des Wandelganges ihr Gesicht der wärmenden Sonne entgegen. Ich spürte eine friedliche, eine ruhige Atmosphäre.

Diese beiden Unternehmungen ließen mich die Corona-Situation fast vergessen. Doch hier zu Hause holte mich die Realität ein: um die Sandkiste herum standen mit dem gebotenen Abstand Eltern unserer LeNa Kinder und diskutierten Möglichkeiten ihres Spielens, bei dem sie auch möglichst vor einer Infektion geschützt sind.

Unser gemeinsames Balkonsingen, mit der Möglichkeit einen kurzen Klönschnack mit Nachbarn zu halten, beendete den heutigen Nachmittag.

 

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