Die Entschleunigung hat ihre Vorteile – geschenkte Zeit zum Nachdenken, mehr Zeit für Alltagsdinge. „Unsere Kompostecke ist geöffnet“, schreibt Martin „mit lieben Grüßen von der Kompostgruppe“, und erklärt noch mal die Regeln; „Alles, was mal gelebt hat und kleiner ist als ein Unterarm, kann in die grüne Tonne….“ Wiederholungskurs in Sachen Grünabfall. Davon fällt gerade mehr an als sonst, weil wir ständig Zuhause sind und häufiger kochen.
Zeit, ein neues E-Lastenfahrrad auszuprobieren, das Martin für zwei Wochen kostenfrei geliehen hat. Dreirädrig, mit einem sehr großen Korb, ergonomisch hochwertig. Wer will, kann es testen, einige Erwachsene und größere Kinder sind heute schon damit übers Grundstück gesaust. Vielleicht werden wir uns später gemeinsam so eines anschaffen?
Auf dem Waldweg, den viele von uns täglich gehen, ein seltsam schönes Bild: Zwei junge Frauen im Baum, sie reden und lachen.
Ein guter Tag, weil die Quarantäne von Jule, Heiko und ihren Töchter Lina und Lotta beendet ist. Jule ist eine von 41 Personen im Landkreis Lüneburg, die Covid 19 überwunden haben. Vierzehn ewig lange Tage sind um. Wir alle sehen den nächsten vierzehn Tagen entgegen – leben und planen im Zweiwochenrhythmus, länger können wir nicht vorausschauen und planen.
Geduldig sein, abwarten, so ist der Tenor unserer kleinen Debatte über den „Exit“. Heute veröffentlichen wir den dritten Teil mit sechs Beiträgen.
Ulla

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Volkmar und Christiane

Ein schnelles Ende der derzeitigen Situation – würden wir das wollen? Einerseits fehlt uns das alte Leben sehr, Beruf und Hobby nachgehen, liebgewonnene Mitmenschen einfach mal umarmen, wieder Nachbarskinder zum Abendessen da haben.

Andererseits bringt das Innehalten auch Vorteile zu Tage: kein Pendeln mehr in die Arbeitsstadt, die intensive Zeit als Familie, Spontaneität anstelle der engen Alltagstaktung. Gerade gewöhnen wir uns an die schönen Seiten der Situation.

Ein schnelles Ende ist uns nicht wichtig, wohl aber zu wissen, wann die schrittweise Rückkehr in den Normalzustand beginnen kann und welche Schritte wir dabei werden gehen müssen. Denn der eigentliche Weg liegt unserer Einschätzung nach noch vor uns. Wenn wir die Etappen dieser „Bergtour“ erst geplant haben, blicken wir entspannter auf die Frage, ob die Tour nun im Mai oder im Juli losgeht.

 

Jule

(am Ende der Quarantäne) Ich finde es verfrüht, eine Diskussion über das Zurückfahren der Einschränkungen zu führen. Seit knapp zwei Wochen erst müssen die Menschen sich einschränken, und in meinen Augen haben wir noch nicht den peak der Pandemie erreicht.

Ich sehe in der Krise zugleich eine gesellschaftliche große Chance, wirklich umzudenken. Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten Raubbau mit Ressourcen und Naturräumen betrieben. In der Beschränkung, die jeder jetzt für sich erlebt, steckt für mich die Chance, auch in dem Bereich der Ressourcennutzung umzudenken.

Aber auch dies braucht noch etwas mehr Zeit. Wenn jetzt schon wieder zu dem „vorher“ zurückgekehrt wird, wird auch alles andere wieder wie vor drei Wochen.

Ich sehe durchaus die Schwierigkeiten der vielen Selbständigen, aber auch das ist eine Chance, hier neue, andere Möglichkeiten der Unterstützung zu finden, es als gesellschaftliche Aufgabe zu sehen. Es ist so vieles entstanden, was, wenn wir jetzt schon ans Umdrehen denken, wieder verloren gehen würde. Das fände ich extrem schade.

 

Frauke

Tatsächlich teile ich die Utopie, dass sich aus den Erfahrungen der gegenwärtigen Zeit neue, gemeinschaftsdienlichere und zukunftstauglichere Denk- und Verhaltensweisen sowie gesellschaftlichen und politischen Strukturen ergeben mögen. Es ist aber nur ein schwacher Hoffnungsschimmer, und meine Sorge vor einem autoritären, nationalistischen Umkippen der Verhältnisse ist (je nach Tageszeit) größer.

Die Exit-Debatte nervt mich, weil ich den Eindruck habe, dass Politiker_innen und Medien ihr Süppchen drauf kochen, indem sie das Thema warm halten. Meine Sorge ist, dass das zu einem Nachlassen der Wachsamkeit bei vielen Menschen führt – und damit auch das Risiko erhöht, dass strenge Maßnahmen sogar noch weiter verlängert werden müssen. Außerdem bleibt dahinter die mir viel wichtigere gesellschaftliche Debatte zurück, wie wir aufpassen können, dass sich die jetzt erforderlichen Einschränkungen der Rechte und Freiheiten nicht verfestigen, und welche Konsequenzen wir für die zukünftige Gestaltung des Sozialstaates auf nationaler und europäischer Ebene aus dieser Katastrophe ziehen wollen.

 

Arthur

Meiner Meinung nach macht es gar keinen Sinn, jetzt schon über die Lockerung irgendwelcher Maßnahmen zu diskutieren. Dieses Infragestellen führt nur dazu, dass noch mehr Menschen daran zweifeln und sie in Frage stellen. Bislang ist die Infektionskurve ja noch nicht nennenswert abgeflacht, was bedeutet, dass auch die Mehrzahl der schweren Erkrankungen noch gar nicht in den Krankenhäusern angekommen ist. Was allerdings schon passieren sollte wäre, dass die Behörden ein Konzept haben, unter welchen Umständen Lockerungen möglich wären, z.B. wenn die Infektionskurve für x Tage unter einem bestimmten Wert liegt, können in Region YZ die Schulen wieder öffnen. Das würde die Menschen vielleicht etwas von der Ungewissheit entlasten.

 

Polly

Ich verstehe, dass die Menschen eine Exit-Strategie brauchen, denn wie lange können wir die gegenwärtige Unsicherheit noch aushalten? Mein Eindruck ist, dass vielen der Ernst der Lage nicht klar ist, da wir in einem so reichen Land leben und viele von uns niemals einer solchen Krisensituation ausgesetzt waren. Ich finde Arthurs Idee gut, dass wir von offiziellen Stellen Angaben dazu bräuchten, unter welchen Umständen bestimmte Maßnahmen wieder gelockert werden können; das könnte vielleicht sogar über eine Art „Gamification“-Ansatz gelingen – z.B. mittels einer App, in der Infektionszahlen dokumentiert werden und in der Wettbewerbe stattfinden in der Art „Lasst uns alle zu Hause bleiben, damit die Zahlen bei uns viel schneller runter gehen als die aus dem Nachbarlandkreis“). 

 

Anne

Ich lebe gerade in einer Parallelwelt, scheint mir. Ich habe seit Montag Urlaub und faste seit Freitag. Von daher ist mein Medienkonsum auf ein Minimum heruntergefahren.

Insgesamt ist die Situation für mich irreal: alles steht still, weil Krankheit oder Tod vieler droht, andererseits geht mein Leben im Moment weiter wie bisher. Durch LeNa fühle ich mich nicht vom sozialen Leben abgeschnitten, mit 2 m Abstand kann ich mich prima mit anderen austauschen, das abendliche Singen verbindet und ich fühle mich wohl. Außerdem habe ich viele Kontakte in der Ferne, die auch jetzt übers Telefon funktionieren.

Die Diskussion um die Lockerung der Bestimmungen habe ich gar nicht mitbekommen. Privilegiert, wie ich bin (weiterlaufende Arbeit und damit weiterlaufendes Gehalt, gesundheitlich gut aufgestellt), wünscht sich ein Teil von mir, dass diese Situation noch ein bisschen anhält. Ich hoffe, dass die Menschen merken, was anders sein kann. Worauf es für alle ankommt. Aber das hoffe ich natürlich nur mit einem Teil. Der andere wünscht sich möglichst wenig Tote, Einschränkungen, Krisen. Alles Negative, dass mit dem Virus einhergeht.

Heute war ich einkaufen. Ich war selbst viele Jahre im Verkauf tätig, und so viele freundliche Wünsche und Aufmerksamkeit für die Kassierer*innen habe ich höchstens im Bioladen erlebt – niemals, wie heute, bei Aldi. Auch auf der Straße begegne ich mehr Menschen plötzlich mit den Augen – wenn auch manchmal nur um den Abstand zu überprüfen – aber plötzlich geht auch ein lächelndes „Guten Tag“. Hilfsbereitschaft erlebe ich mehr, die Menschen sprechen mehr miteinander – ich glaube weil plötzlich viele gewahr werden, dass es wohltuend ist.

 

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