Die Zeit fliegt, sie rennt, sie verrinnt… für mich jedenfalls. Als es hieß „Schulen und Kitas schließen für fünf Wochen“ erschien mir das eine endlos lange Zeit. Ich überlegte wirklich lange, wie wir es schaffen würden, sie zu füllen. Nun gehen wir in Woche sechs und ich frage mich, wo die letzten fünf Wochen geblieben sind. Für andere dehnt sich die Zeit wie Kaugummi, oder sie haben plötzlich sogar zu viel davon? Beides kann schwierig und belastend sein. Kann aber, je nachdem, wie man es nutzt, auch schöne Momente mit sich bringen. Erste Lockerungen werden morgen mit Öffnung weiterer Geschäfte erwartet. Wir werden sehen, ob die Menschen verantwortungsvoll damit umgehen.
„In Momenten der Krise bauen die Weisen Brücken und die Dummen Dämme“, schreibt uns Marie. Ja, mehr Brücken bauen, das wäre schön. Auch in der Krise gelingt das. Leider nicht überall. Und leider oft nicht durch jene, die dies besonders gut könnten. Viele von uns verfolgen die Nachrichten aus den griechischen Flüchtlingslagern, von kenternden Booten im Mittelmeer, von Menschen, überall auf der Welt, die auf der Flucht sind, ohnehin keine Lobby haben und nun ganz in Vergessenheit zu geraten drohen, ohne, dass Politiker/innen der reicheren Staaten die gebotene Verantwortung dafür übernähme.
Wie anders können wir doch hier auf unserer sicheren LeNa-Insel die Krise aushalten. Für mich ist, wie für uns alle unser Garten eine große Freude. Wie die Zeit vergeht, sieht man auch hier: Der Frühling ist da, es blüht und fliegt und krabbelt, und man kann förmlich zusehen, wie Bäume und Hecken täglich grüner werden. Gestern war eigentlich ein Gartentag angesetzt, der aber ausgefallen ist: Corona, natürlich. Eine Mail von Antje am Morgen: „Eigentlich ist ja gerade jeder Tag Gartentag. In der Ruhe-Ecke steht ein Blech mit Kuchen – wer mag.“ Britta und Fritz haben vor einigen Tagen Tisch und Stühle der Ruhe-Ecke aus dem Winterschlaf geholt und sie wird am Nachmittag eingeweiht, mit dem nun selbstverständlichen Abstand zwischen den Sitzenden.
Auch sonst ist am Wochenende draußen immer was los. Bei fast jedem Blick aus dem Fenster sehe ich Katharina, Barbara oder Grete mit Gartengeräten oder einer Gießkanne ihre Wallabschnitte sowie das Beet am Westparkplatz bearbeiten. Die Bewässerungsschläuche sind überall gelegt und die Hecken werden gewässert. Die Tischtennisplatte, super Abstandsbarriere, wird viel genutzt. Matti, Justus und Moritz liefern sich eine Wasserschlacht. Paulina, Ella und Lotta bauen ein Pfadfinderinnenlager aus Picknickdecken und Schirmen – auch bei den Kindern nun selbstverständlich: das Abstandhalten.
Am Samstag hat die „Hühnergruppe“ um Lou, Mattes und Marie begonnen, den Zaun um das künftige Hühnergehege zu ziehen, nachdem die Kinder letzte Woche so emsig den Hühnerstall zusammengeschraubt haben. Einen Bericht darüber hat Aljoscha verfasst. Außerdem erzählt Otto in einem berührenden Beitrag darüber, wie seine fast hundertjährige Mutter der Situation begegnet. Arthur beschreibt, wie das Brotbacken ihm hilft, mit schweren Gedanken in dieser Zeit fertig zu werden. Und abschließend teilt Andi seine Gedanken zur Lage (bei der erwähnten „Kette von Lichtern“ handelt es sich übrigens um die Satelliten des „Starlink“-Projektes).
Polly

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

Aljoscha  – Hühnerfieber – eine Reportage

Marie (13) und Lou (12) sind seit Monaten im Hühnerfieber. Sie bereiten selbstbewusst, mit einer unglaublichen Ausdauer und viel Spaß den Einzug von vier Hühnern vor.
Der Hühnerstall wurde vor einer Woche von Lou, Marie und Lina (9) zusammen gebaut. Dafür war viel Ausdauer  und Geschick beim Zusammenschrauben und zurecht sägen notwendig. Bei letzterem half der Papa von Lou. Dieser Stall sieht aus wie eine Miniaturausgabe eines gelben Schwedenhauses, mit einer zusätzlichen Eierkiste.
Nachdem die beiden letzte Woche den Boden mit mehreren Schubkarren – Füllungen von Hölzern und Laub befreit hatten, gab es gestern den ersten gemeinsamen Zaunbautag.
Mit Spaten, Zangen, Schraubenschlüsseln, Steinbohrern und Äxten waren viele emsige LeNa-Ameisen jeden Alters hinter „Haus 4“ zugange.
Zuerst wurde eine Eingangstür gebaut, die mit einem Zahlenschloss versehen sein wird.
Thommy fragte, warum es ein Zahlenschloss geben wird und wer den Code kennen wird. Lou erklärte ihm, dass nur das Hühner-Pflegeteam den Zahlencode kennt, zu dem auch er gehören wird.
So werden die zweijährige Ada, ihr sechsjähriger Bruder Thommy mit ihrer Mutter Polly und auch einige Kinder zwischen vier und zwölf Jahren sowie ein paar Erwachsene im Team sein.
Beim Arbeitseinsatz gestern wurden Löcher für Steinplatten gegraben, die das Fundament für den Zaun bilden. Dafür wurden quadratische Steinplatten mit einem Steinbohrer von Reinhold bearbeitet, damit die vier Ecken des Zauns in der Erde verankert werden können.
Hinter „Haus 4“, dem Kinderhaus, wird demnächst die Hühnerlodge eröffnet, mit ausreichend Platz für vier Hühner.
Eigentlich wollten Lou und Marie, dass „schwedische Blumenhühner“ zusammen mit Maran- Hühnern unseren Garten beleben. Letztere werden Ende des Monats wohl noch zu klein sein, um dann schon ins ferne Lüneburg zu ziehen, wie Marie heute Morgen im Telefonat mit dem Auetaler Hof erfuhr. So haben Marie und Lou entschieden, dass stattdessen Welsumer und Vorwerk-Hühner Ende des Monats einziehen dürfen.

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Es werden von jeder „Familie“ zwei Hühner einziehen, damit sich kein Huhn einsam fühlt bzw. möglicherweise von zwei Schwestern dominiert wird. Zu zweit sind die Hühnerfamilien dann gleichberechtigt und haben „Verstärkung“ an ihrer Seite, falls es mal zu Unstimmigkeiten kommen sollte. Gibt es eigentlich auch Mediation für Hühner? Marie berichtete mir vorhin stolz, dass sie heute Morgen die Hühner beim Auetaler Hof bestellt hat. Diese werden Ende April mit dem Hühner-Express zum Bardowicker Dom gefahren, um dort von unseren „wilden Hühnern“ abgeholt zu werden. Sogar Namen haben die vier Hühner schon: Frida, Kalia, Lotte und Smilla. Am 28.April werden sie bei LeNa einziehen und uns eines Tages mit Frühstückseiern beglücken. Vorher gibt es noch Einiges zu tun. Der Zaun will mit Lous und Maries Vater und sicher auch ein paar anderen kleineren und größeren Helfer*innen gezogen werden. Und die Erde am Hühnerhaus und unter dem Zaun muss noch begradigt werden, damit die Hühner nicht entwischen können und der Marder nicht unter dem Zaun durch schlüpfen kann. Wie das am besten umgesetzt werden kann, wenn der Boden staubtrocken ist, berieten die beiden vorhin mit Maries Vater. Er sagte ihnen, sie sollen die Erde über mehrere Tage wässern und täglich eine weitere Schicht fest stampfen, um diese nach und nach zu verdichten.

Otto

Wir haben schon Schlimmeres überlebt
Meine Mutter ist 86 und seit über drei Wochen in ihrer Seniorenresidenz „gefangen“. Das eiserne Eingangstor ist zu, und auch der Seiteneingang ist verriegelt. „Kein Rauskommen“, höre ich meine Mutter sagen. Sie spricht am Telefon von Knast und muss dabei lachen. „Wir haben schon Schlimmeres überlebt“. Damit meint sie vor allem den Krieg. Als junges Mädchen hat sie ihn erlebt: Als Tochter von Landarbeitern musste sie schon früh auf dem Feld mitarbeiten – die meisten Männer, so wie ihr Vater und auch der Bruder, waren an der Front. Sie musste vor den Tieffliegern fliehen, durfte die Zwangsarbeiter nicht zu freundlich behandeln und sah das brennende Hamburg als Lichterschein am Horizont. Sie hörte die Bomber beim Anflug über sich bedrohlich brummen.
Ich darf sie nicht besuchen, nicht in den Arm nehmen. Aber Begegnungen gibt es trotzdem, sie finden durch das geschlossene Tor in sicherer Entfernung statt. Ihren Optimismus hat sie dennoch nicht verloren: „Diese Zeit geht auch vorbei. Wichtig ist, dass wir gesund bleiben.“

Arthur

Als Ende 2019 die Berichte über die schweren Lungenerkrankungen in China nicht nur in meiner Mikrobiologie-Filterblase, sondern auch in der Tagesschau auftauchten sagte ich noch: „Ach, das kennen wir schon von SARS. Ein paar Ausbrüche in China, die relativ schnell kontrolliert werden können und dann verläuft sich das im Sande.“
Polly war damals schon skeptisch.
Als die ersten Berichte über Infektionen in anderen Ecken der Erde auftauchten dachte ich mir: „Komisch. Das ist eigentlich ungewöhnlich.“ Aber mehr Gedanken habe ich mir dann doch nicht gemacht, denn den Bereich der Infektionskrankheiten habe ich 2017 beruflich verlassen.
Jetzt bin ich – wie wir alle – wieder mitten drin. Homeoffice nicht mehr freiwillig und 1-2 Mal die Woche, sondern inzwischen in der sechsten Woche ununterbrochen. Es wird langsam, aber sicher anstrengend. Wie geht es Tommy und Ada? 6 und 2.5 Jahre alt – beide zu Hause und kein Kindergarten. Tommy rennt den ganzen Tag draußen rum und fällt abends beim Essen fast von Stuhl, so müde ist er. Ada freut sich darüber, dass sie Mama und Papa für sich hat, wenn der große Bruder draußen rumläuft. Morgens, wenn Polly und ich zusammen die Kinder fertigmachen (Homeoffice macht es möglich!) fragt mich Ada immer öfter: „Heute Kindergarten???“ – „Leider nein, kleine Maus,“ muss ich dann sagen. „Warum?“ fragt sie dann. „Na wegen der Corona-Ansteckungsgefahr,“ muss ich ihr antworten. Die Antwort gilt fast für jede ihrer „WARUM“-Fragen.
Für die Kinder ist der Kindergarten mehr als nur Mama-und-Papa-gehen-zur-Arbeit. Für die Kinder sind die anderen Kinder und die Erzieherinnen eine feste soziale Bezugsgruppe. Eltern sind halt „nur“ Eltern.
Wie soll das weitergehen? frage ich mich oft. Ich ertappe mich auch dabei, wie ich abends alleine auf dem Sofa plötzlich Angstzustände bekomme und mich frage ob das, was wir gerade erleben, das ist, was viele Infektiologen seit Jahren vorhersagen: DIE große Pandemie, die es schaffen wird, einen Großteil der Erdbevölkerung zu töten. Wird es soweit kommen? Wird sich unser Leben verändern, wie man es auch manchen Endzeit-Science-Fiction Filmen kennt? Durchsagen von Drohnen: „Dieses Gebiet steht unter Quarantäne! Betreten verboten!“ – unterstützt von einem allmächtigen Überwachungsapparat, der genau weiß, welcher Mensch sich mit wem getroffen hat. Es gibt PolitikerInnen und leider auch WissenschaftlerInnen, die genau das gerade fordern! Eine App auf dem Handy, die genau das macht: Nachverfolgen wer wen getroffen hat. Natürlich nur zur Rückverfolgung der Infektionsketten! Niemand würde auf die Idee kommen, mit den Daten etwas anderes anzufangen….
Was mir in dieser Situation hilft: Polly und die Kinder. Mein Arbeitgeber erwartet, dass ich auch im Homeoffice meinen „Arbeitsvertrag erfülle“, wenn ich wegen „Kinderbetreuung nicht arbeiten kann,“ darf ich „unbezahlten Urlaub nehmen.“ Polly übernimmt zum Glück einen Großteil der Kinderbetreuung, denn ihr Arbeitgeber ist da flexibler – trotzdem kommt keiner von uns beiden auf die übliche wöchentliche Stundenanzahl und zufrieden macht uns das beide oft nicht.
Was in dieser Zeit auch hilft ist Brot backen! Eine wunderbare langsame Art Nahrung zu erschaffen. Wer einsteigen möchte, dem empfehle ich den Plötz-Blog. Oder eins der Bücher des Bloggers (Lutz Geißler). Klar, die Bäckereien haben geöffnet, aber Duft von selbst gebackenem Brot im Haus?! Das schafft kein (Industrie)Bäcker.
Was haben eigentlich Brot, Bier, Wein, Salami, Käse, Sauerkraut und viele andere Lebensmittel gemeinsam? Richtig, sie werden von Bakterien oder Pilzen zu dem gemacht, was sie sind: Haltbare und leckere Lebensmittel. Einer der Haupt“bewohner“ von Sauerteig ist übrigens Lactobacillus sanfranciscensis (ein Milchsäurebakterium). Die 1,298,316 DNA-Bausteine seines Erbguts habe ich mal entschlüsselt.
So, da haben wir es: Die fehlende Zeit zu meinem 8 Stunden-Tag kann ich wunderbar mit Brotbacken auffüllen – ist ja eigentlich auch Mikrobiologie.

Andi

UNLOCKDOWNERung
Geschäfte werden wieder öffnen dürfen- Juhuu;( Leider werden unsere beiden Kinder voraussichtlich erst ab JuNi wieder zur Schule:/
Außerdem wird im Radio darüber geredet, daß die Sommerferien geknickt werden- WTF?!
… und welche Nachrichten bekomme ich eigentlich nicht mit? Gestern wettete ich mit dem 12jährigen, daß es in der SZ keinen Artikel ohne „Corona“ gibt. Wir haben‘s dann nicht mehr überprüft, aber – Tschernobyl brennt! Wir hatten beim Abendessen ein Gespräch über Radioaktivität (man sieht sie nicht, man riecht sie nicht…). Der Große erinnerte sich daran, daß es auch Pizza gab, als der Atommüllzug vor unserem Schlafzimmer im Lüner Damm stand. Er verwechselte aber die Reihenfolge des SuperGAU (erst die Welle, dann flog Fukushima in die Luft). Der Siebenjährige machte große Augen.
…und dann war da noch diese von West nach Nordost wandernde Kette von Lichtern, die ich beim Rauchen gegen 10 entdeckte und unter der ein lustiges Rätselraten entbrannte. Das Phänomen namens Twitter sorgte für ernüchternde AUFLÖSung: schnelles Internet in der Atmosphäre (SH*T).
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