Woran wir glauben, wie wir religiös geprägt wurden (oder auch nicht), und was wir an die Kinder weitergeben, ist individuell sehr verschieden. Über unsere Glaubenswege reden wir bei LeNa fast nie, das ist privat wie kaum etwas Anderes.

Kürzlich lag im Briefkasten eine Einladung zu einer Konfirmation. Georg hat mal vom Jakobsweg und seiner Meditationswoche im Kloster erzählt. Volkmar unterrichtet Religion. Der Gott ferne Humanismus von Albert Camus, weiß ich, ist Einigen nahe. Wir leben unsere Spiritualität meist im Verborgenen, in den eigenen vier Wänden – und in der Osterwoche außerhalb, mit den Familien, guten Freunden.
Diesmal lernen wir uns ein wenig besser kennen, sind mit unseren österlichen Bedürfnissen auf die Gemeinschaft des Wohnprojekts verwiesen. Beim abendlichen Singen kommen jetzt andere Lieder vor: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ oder „Ubi caritas“, und kleine Texte, am heutigen Karfreitag, zum Beispiel Gedanken aus der „Süddeutschen Zeitung“ von Heribert Prantl: „Einmal ist Ostern Freude und Jubel, ein andermal mehr Furcht und Zittern. Im Jahr 2020 ist es letzteres.“
Georg und Volkmar erzählen heute von ihren Gedanken und Ritualen am Ende dieser besonderen Osterwoche. Vom dreizehnjährigen Justus erfahren wir, wie er seinen Alltag bewältigt. Dazu ein kleiner Bericht über den benachbarten Wagenplatz – über die Vorzüge des einfachen Lebens.

Ulla 

 

 

Stimmen – Beiträge – Interviews

 

 

Georg

Ostern 2020? …puuh, was will „da gesagt“ sein? Traditionell ist die „Karwoche“ in meiner Lebensbiographie eine „Irgendwie-Anders-Woche“. Aber heute? Ich gehöre keiner institutionalisierten Kirche an, begreife mich eher als „forschenden“ Menschen…
… in einer Bistums-Stadt aufgewachsen, katholisch sozialisiert, finden sich natürlich jede Menge „religiöse Spuren“, Erinnerungen und Praktiken: Das letzte Abendmahl an Gründonnerstag, der Judas-Kuss, Petrus, der nicht zu Jesus steht, kein Fleisch essen an Karfreitag, „ernst“ bleiben, zum Gottesdienst gehen …
… als Kind hat mich die Osterzeit noch mehr fasziniert als Weihnachten, denn dort geht es um „Unsterblichkeit“…
… Leben und Tod sind zwar „scheinbar noch zwei“ (Dualität), doch „das Grab ist leer!“… „Jesus ist nicht da!“.
… wie kann das sein?
Dieses Grundthema hat mich schließlich zum Existentialismus geführt…
… so gehört der Roman von Simone de Beauvoir: „Alle Menschen sind sterblich“ bis heute zu meinen Lieblingsschriften; sehr eindrücklich beschreibt die Autorin die „Grausamkeit“, die darin liegt, unsterblich zu sein … aber reicht das zur Begründung? Für mich hat es nicht (ganz) gereicht….
Nach Carl Gustav Jung ist die entscheidende Frage für den Menschen: Bist du auf das Unendliche bezogen oder nicht?
Mein eigener Weg führte mich zu östlichen Lebensphilosophien, das „Unendliche“ genauer ergründen…
… seit vielen Jahren praktiziere ich eine Form des ZEN, einer nicht-gegenständlichen Form von Meditation; die Oster-Sesshin gehört seit langem zu einer meiner wichtigsten „Sitz-Zeiten“; äußerlich ist die Ostersesshin, die heute beginnen würde, „abgesagt“, nicht-abgesagt ist das „Sitzen in der Stille“, ich sitze gerade auch hier zuhause (weiter) und etwas mehr als üblich, für Karfreitag und Karsamstag habe ich mir zwei „Stilletage“ verordnet …
… einatmen, ausatmen,
vor, zurück,
Leben, Sterben:
Pfeile, einander entgegenfliegend,
Treffen sich halben Weges und durchdringen
Die Leere in absichtslosem Flug –
So kehre ich zurück zur Quelle.
(Gesshu Soko, ein Meisterbogenschütze)
Meinen Morgenbrei
und dann auf den Weg,
die blühenden Weiden zu sehen.
(Kusamaru, ein Laie)
Ostern – wie es sich mir erschließt – ist nicht abgesagt! Frohe Ostern!

 

Volkmar

Das Osterfest 2020 wird anders sein als üblich. Wir werden es zu Hause feiern, nicht wie sonst üblich im Kreis der Familie, die sich für dieses Familienfest von nah und fern zusammenfindet. Und den gewohnten Traditionen werden wir nur im kleinen Kreis folgen, etwa dem Stück von einem Apfel, das jedes Familienmitglied als erstes am Ostermorgen isst, damit die Familie zusammenbleibt.
Aber halt! Noch ist nicht Ostern! Noch befinden wir uns in der Fastenzeit und auch die ist 2020 anders als wir es jemals erlebt haben.
Die Fastenzeit in diesem Jahr ist besonders, denn wir ALLE fasten!
Wir ALLE fasten, wir alle verzichten bewusst auf körperliche Nähe zu allen, auch zu denen, die uns besonders lieb sind, aber die nicht in unserem Haushalt leben.
Wir ALLE fasten, wir alle verzichten – notgedrungen – auf kulturelle, religiöse oder politische Veranstaltungen um uns und auch um andere zu schützen.
Unser Fasten wird nicht an Ostern enden, sondern wohl noch ein paar Wochen oder vielleicht sogar Monate weitergehen. Tröstlich finde ich bei dieser Aussicht das Motto für die Fastenzeit 2020:
„ZUVERSICHT! SIEBEN WOCHEN OHNE PESSIMISMUS“!
Ich bin sicher, dass unser Fasten Leben rettet, und das hilft mir, es durchzuhalten.
Und ich bin auch sicher, dass wir einander wieder nahe sein können, irgendwann dieses Jahr.
Und darauf freue ich mich schon jetzt, denn ich weiß, wie wertvoll das ist!

 

Aljoscha – Begegnung mit Justus

Von Justus (13) habe ich gehört, dass er gerne kocht. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe ihn interviewt, wie er dazu kam.
Er meinte, dass er Langeweile hatte. Am liebsten macht er Rohrnudeln (Übersetzung für nicht Eingeweihte unter uns: Hefeklöße mit Marmelade).
Dafür braucht es:
700 g Mehl (bis zu 1/3 Vollkornmehl), 1 Päckchen Hefe, 50 g Zucker, warmes Wasser, 100 ml Öl,
1 Ei (nach Belieben), 1 gestrichener Teelöffel Salz.
Eine Auflaufform mit Öl einreiben. Mehl in eine Schüssel tun mit einer Mulde in der Mitte, Zucker auf den Boden tun, Hefe reinbröseln, warmes Wasser drüber und mit ein wenig Mehl und dem Zucker verrühren, das ganze 15 Minuten gehen lassen.
Dann die restlichen Zutaten auf den Rand der Mulde geben und mit warmem Wasser zu einem mittelfesten Teig verkneten (geht am besten mit der Hand).Den Teig gehen lassen, mit einem Tuch drüber an einem warmen Platz – gerne 1 Stunde, bei Zeitknappheit klappt es auch mit weniger Gehzeit (Variante: man kann ihn auch über Nacht kühl gehen lassen).
Vom Teig gleich kleine Stücke abstechen (wird ja beim Backen noch größer), Teigstücke flach drücken, ein Löffelchen Pflaumenmus in die Mitte und zudrücken, dann rund rollen, in der geölten Form einölen und mit der früheren Öffnung nach unten setzen. Noch einmal gehen lassen und dann bei ca. 200 Grad ca. 30 Minuten im Ofen backen.
Dazu passt Vanillesoße (am besten gleich ein ganzer Liter) und Apfelmark.
Er macht auch gern Pfannkuchen und backt verschiedene Kuchen, am liebsten Marmorkuchen.
Sein Tipp für alle, die gern kochen lernen wollen, am besten bei den Erwachsenen zuschauen, wie sie es machen und dann ausprobieren und nachfragen. Ein Einstiegsgericht sind Nudeln mit Tomatensoße.
Auf meine Frage, was er ansonsten gern macht, meinte er: lesen. Sowohl Comics (Das lustige Taschenbuch) und Harry Potter, außerdem hört er gern Musik und macht mit seinen Freunden bei LeNa gern Wasserschlachten.
Gestern hat er einen spannenden Film mit seinen Eltern gesehen: „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ – quasi aus der Harry Potter Welt, aber eigene Figuren.
Ein Spiel (ab 11 Jahren), das er bis zu den Einschränkungen durch Corona gern gespielt hat, ist das „Harry Potter Deck- Building Spiel“. Das Tolle daran ist, dass jeder sich eine Figur aus Harry Potter aussucht und dann diese mit eigenen Fähigkeiten, Zaubersprüchen und Verbündeten spielt. Gemeinsam wird gegen Bösewichte gekämpft.
Außerdem spielt er gern „Exit“-Spiele. Sein Favorit ist das Känguru Spiel, mit einer Jagd durch Kreuzberg.
Wenn er was von seinen Freunden mitbekommen will, dann verabredet er sich mit ihnen zum „Fortnite“ spielen am PC. Über Headset sind sie dann miteinander verbunden und tauschen sich auch darüber aus, wie es ihnen gerade geht.
Mit dieser bunten Palette an Beschäftigungen kommt selten Langeweile bei ihm auf.

 

Ulla

Bericht vom Wagenplatz
Auf dem Wagenplatz Wienebüttel sind alle wohlauf, auch Milo, das achtwöchige Baby. Es wird viel gebaut, hier eine neue Veranda, dort ein Regal. Der Lehm-Ofen hat ein Dach aus alten Ziegeln bekommen und wird gerade häufiger benutzt als sonst. Weil die meisten wegen der Pandemie der Arbeit fernbleiben müssen, ist ganztägig Leben auf dem Platz.
Ein privilegierter Ort in diesen Zeiten: Im Grünen gelegen. Abstand halten ist leichter als bei LeNa. Und weil die Bewohner nicht viel brauchen und keine teuren Mieten zahlen, sind die finanziellen Einbußen eine Weile zu verschmerzen. Ihre bescheidene Lebensweise ist krisenfester als manch andere.
Es wird viel politisiert, über dieselben Themen wie bei uns. Es gibt mehr Gemeinschaft, das genießen alle sehr. Auch die Wagenburger haben ihre Osterreisen verschieben müssen.
Eine Stunde war ich dort zu Gast und hab mich wohl gefühlt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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